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Über Meereshöhe

Francesca Melandri, Drehbuchautorin und Schriftstellerin aus Italien hatte uns bereits mit „Alle außer mir“ verführt, verführt mitten in italienische, europäische und Kolonial-Geschichte – wir waren begeistert. Der schmale Band „Über Meereshöhe“ ist eine leisere Geschichte. Sie erzählt darin vom Leben zweier sehr unterschiedlicher Menschen, deren Gemeinsamkeit zunächst nur der Angehörigen-Status ist; beide sind Angehörige von Gefangenen zur Zeit der sogenannten bleiernen Jahre in Italien.

In dieser Situation, in der Anschläge der Roten Brigaden aber auch rechtsterroristische Attentate von Neo-Faschisten das Land prägten, brachte der Staat einige als besonders gefährlich betrachtete Gefangene auf der Gefängnisinsel Asinara unter. Die historischen Hintergründe, das Leben im Gefängnis und die Haftbedingungen spielen nicht die Hauptrolle im Roman – und trotzdem hat sich nach dem Lesen des Buches ein recht deutliches Bild dieser Verhältnisse im Kopf gebildet, weil Melandri beinahe nebenbei diese Themen einfließen lässt.

Luisa, eine Bäuerin aus der Toskana besucht regelmäßig und seit vielen Jahren ihren wegen Mord und Gewalttätigkeiten einsitzenden Ehemann. Auf der Fähre zur Insel, wohin dieser nun verlegt worden ist, befindet sich auch der Lehrer Paolo. Er wird dort seinen gefangenen Sohn besuchen, der wegen Mord und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung lebenslang absitzt. Nach demütigenden Durchsuchungen und bürokratischen Umständen gehen die Besuche selbst rasch vonstatten. Der Hauptfokus des Romans liegt auf der Begegnung von Luisa und Paolo. Ein Sturm verhindert, dass beide am selben Tag wieder abfahren können. Der Aufenthalt solcher Personen über Nacht ist auf der durchstrukturierten Gefängnisinsel nicht vorgesehen. Im Inneren der Insel sind die Gefangenen durch die Gefängnismauern eingeschlossen, aber auch ihre Besucher*innen sind in ihrer Bewegungsfreiheit auf der Insel eingeschränkt, durch das Meer, aber auch durch die Administration.

Die kleine Geschichte spielt also auf sehr engem Raum, eine Art Kammerspiel, das im begrenzten Draußen, auf einer Insel spielt. Nicht nur der Raum, auch die Zeit ist begrenzt: der Roman spielt letztlich innerhalb von zwei Tagen und einer Nacht. In diesem Zeitraum lässt Melandri die beiden Personen aus zwei Klassen aufeinandertreffen, ähnlichen Alters, unterschiedlichen Geschlechts, mit der einzigen Gemeinsamkeit, einen Angehörigen im selben Knast zu haben und dort zu besuchen.

Dieses Aufeinandertreffen ist sehr fein, zart und bewegend beschrieben. Melandri nutzt hier eine behutsame Erzählweise, vieles wird nur angedeutet, es wird nicht viel gesprochen und wenn, schreibt die Autorin dies nur indirekt.

Dadurch gelingt ihr ein wunderbares Buch, in dem neben der Frage des politischen Mordes überwältigende Naturbeschreibungen stehen oder auch die Brutalität des Staates gegenüber seinen politischen und sozialen Gefangenen neben Alltagsbeschreibungen aus dem Leben von Luisa und Paolo.

Wir sagen: Unbedingt lesen, so wie bisher alles von Francesca Melandri – danke an den Wagenbach-Verlag für diese Veröffentlichungen!

Links-Lesen.de-Kollektiv im November 2019

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