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Buchempfehlungen 2019

Liebe Leute, liebe LinksLesende,

Buchgeschenke zum Jahresende? Wir haben für Euch hier einige unserer Lieblingsbücher zusammengestellt, die wir richtig gut fanden, die uns bewegt haben, die uns interessieren – und die mehr gelesen werden sollten! Darunter sind Neuerscheinungen, Bücher aus unabhängigen Verlagen, Sachbücher zur politischen Lage der Dinge und natürlich Romane. Stöbert selbst und häufig – wir freuen uns auf eure Bestellungen, gern gebündelt und gerne bald, damit alles noch rechtzeitig ankommt!

Antifaschismus

Politisch bewegt uns weiterhin die Rechts-Entwicklung in Deutschland und weltweit. Gut, sich auch mal antifaschistische Gruppen anschauen zu können, die ihre Erfahrungen aufgeschrieben haben.

In „We Fight Fascists. The 43 Group and the Forgotten Battle for Post-war Britain“ beschreibt ein ehemaliges Mitglied die 1946 in Großbritannien gegründete militante antifaschistische 43 Group. Hier waren jüdische und nicht-jüdische Aktivisten organisiert, die vor allem gegen das neu gegründete faschistische ‚Union Movement‘ unter Oswald Mosley und deren Treffpunkte vorgingen – antifaschistische Erfahrungsberichte aus erster Hand!

Zum Verständnis und zur Analyse von Rechtspopulismus und Hass half uns unter anderem: „Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“ von Cornelia Koppetsch. Die Soziologin versucht zu ergründen, warum rechte Parteien und speziell die AfD in Deutschland es schaffen, eine Reihe von Wahlerfolgen zu feiern. In unserer ausführlichen Rezension schreiben wir: „Eine Mitverantwortung für den Aufstieg der Neorechten weist Koppetsch auch dem bürgerlichen, liberalen, akademischen Großstadtmilieu zu, also ihrer eigenen Fraktion“ – hier gibt es also Diskussionsmaterial! Gegen Cornelia Koppetsch gibt es seit Anfang November Plagiatsvorwürfe. Sie soll in dem hier empfohlenen Buch teilweise unsauber zitiert haben und in Teilen Zitate gar nicht als solche gekennzeichnet haben. Zum Nachlesen reicht eine beliebige Suchmaschine (wir empfehlen Startpage, weil dort keine IP-Adressen registriert werden) mit den Schlagworten „+Cornelia +Koppetsch +Plagiat“. Im Print-SPIEGEL Nr. 50 vom 07.12.2019 findet sich ein sehr differenzierter Artikel zu dem Thema. Wir finden nicht, dass die aktuellen Vorwürfe gegen die Autorin den Wert des von uns für sehr lesenswert gehaltenen Buches beeinträchtigen.

Nach USA wendet sich der Blick in „Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“ von der US-amerikanischen Soziologin Arlie Russell Hochschild. Nachdem sich die Autorin in ihren Forschungen früher kritisch mit der Doppelbelastung von Frauen, emotionaler Arbeit und Dienstleistungsjobs beschäftigt hat, begibt sie sich nun auf einer fünfjährigen Reise zu den Wähler*innen von Trump und arbeitet ihre Erfahrungen und Erkenntnisse äußerst aufschlussreich auf. Ein Buch für Diskussionen, die über den deutschen Kontext hinausgehen.

Feminismus, Antifeminismus und Geschlechterverhältnisse

Passend hierzu finden wir, das Buch „Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt“ aus dem Verbrecher-Verlag verdient eine sehr viel größere Verbreitung. Hier geht es ausführlich um frauen*feindliche antifeministische Politiken als auch um solche, die von rechts für ‚Frauenrechte‘ auftreten. Das schicke schwarz-pinke Büchlein erscheint zu einem sinnvollen Zeitpunkt: angesichts einer immer noch patriarchalen Gesellschaft, in der sexistisches frauen*feindliches Verhalten alltägliche Praxis und Erfahrung ist und in der momentan rechte bis extrem rechte Akteur*innen verstärkt gegen Feminismus und sogenannten ‚Gender-Wahnsinn‘ vorgehen – hier unsere Rezension.

Während Antifeminismus leider virulent und bedrohlich ist, konnten wir im Jahr 2019 zum Glück aber auch viel Präsenz und Aktivitäten feministische Bewegungen erleben, z.B. den großen Frauenstreik am 8. März, riesige Demos zum 25. November (internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen), riots in Mexico nach der Vergewaltigungen durch Polizisten im August etc.

Uns hat das Buch „Feminismus revisited“ von der Schweizer Feministin und Autorin Erica Fischer sehr gut gefallen. Die Autorin trifft junge aktive Feminist*innen und diskutiert mit ihnen feministische Positionen, Strategien und Inhalte mit viel Sympathie, Neugier aber auch hinterfragend. Ein wunderbares Geschenk z.B. für Freund*innen, Mütter oder die Mitbewohner*innen, um den Diskussionen über Feminismus verschiedener Generationen noch etwas Input zu geben. Hier unsere Rezension.

Als echten Klassiker möchten wir Klaus Theweleits „Männerphantasien“ empfehlen, das der Matthes & Seitz-Verlag diesen Herbst dankenswerterweise neu aufgelegt hat, ergänzt um ein langes Nachwort des Autors. Wir denken, dass dieses über 40 Jahre alte Grundlagenwerk der Männer- und Gewaltforschung immer noch vieles enthält, was auch oder gerade heute in Zeiten der Rückkehr rechten Straßenterrors und rechtspopulistischer bzw. rechtsextremistischer Parteien zum Verstehen, Kritisieren und Aktivwerden helfen kann. Nicht billig, aber manches kann mensch sich ja auch schenken lassen oder selber gönnen.

Bücher zur Zeitgeschichte

Immer noch zu schade, dass Deniz Yücel weiterhin oder wieder für die Zeitung ‚Welt‘ schreibt, aber wir finden trotzdem, schreiben kann er. Drum wollen wir Euch das Buch über seine Knastzeit 2017 „Agentterrorist. Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie“ ans Herz legen. Es geht um das Leben und Überleben in der Gefängniszelle, um kleine aber wichtige Widerstandspraktiken, aber auch um Solidarität von außen und um die Entwicklung der türkischen Politik – lehrreich, witzig, politisch.

Einer, der nicht im Knast saß, aber seit Jahren auf der Flucht davor ist, weil er als Whistleblower Informationen über umfassende Überwachungen nicht US-Bürger*innen öffentlich machte, ist Edward Snowden. In „Permanent Record“ erzählt der frühere NSA- und CIA-Mitarbeiter über seine Motivation, den Bruch mit dem Geheimnisträgersystem zu wagen und an die Öffentlichkeit zu gehen – die Kosten, die er persönlich seitdem trägt, sind immens; auch dazu nimmt er im Buch Stellung, beeindruckend und bewegend.

Und weil wir ja alle mehr und mehr von künstlicher Intelligenz umgeben sind, sollten wir uns damit auch eingehender beschäftigen – ein guter Einstieg ist der Comic: „Ki, wir müssen reden. Ein Comic-Essay über Künstliche Intelligenz„. Die Datenwissenschaftlerin Julia Schneider und die Künstlerin Lena Kadriye Ziyal nehmen echte newbies aber auch Kenner*innen mit auf die Reise durch die Welten der KI und Algorithmen – eine Technologie, mit der Aussagen z.B. über unser Verhalten, unsere Krankheiten oder unseren Geldbeutel getroffen werden sollen… Das eindrücklich bebilderte Buch betreibt weder Panikmache noch Schönfärberei, sondern bietet Aufklärung und Faktenwissen für politische Debatten. Sympathischerweise merkt man dem Comic auch eine feministische und gesellschaftskritische Perspektive seiner Herausgeber*innen an. Mehr auf der Seite „We need to talk

Buchtipps im Jahr 2019 können nicht auskommen ohne ein paar Tips zum großen Thema:

Klimapolitik und Klimakatastrophe

In „Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“ schlägt Nico Paech auf 150 Seiten den Bogen von der dringlichen Notwendigkeit der Veränderung des individuellen Konsum- und Mobilitäsverhaltens hin zu einer Skizze einer Postwachstumökonomie.

Der Jugendrat der Generationen Stiftung legt in seinem 2019 erschienenen Buch „Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen“ besonders für junge Leser*innen in zehn Punkten anschaulich die vorhandenen politischen und ökonomischen Alternativen gegen die Klimakrise auf den Tisch. Dabei fehlt leider eine Systemkritik – ein passendes Geschenk kann es sicherlich trotzdem sein.

Das I.L.A.-Kollektiv hat 2019 auf 120 Seiten in einer grossformatigen Broschüre „Das gute Leben für alle. Wege in die solidarische Lebensweise“ einen detaillierten Plan ausgearbeitet für eine Transformation der kapitalistischen Wachstumsgesellschaft in eine klimagerechte, solidarische Ökonomie. Lest rein, diskutiert – die Klimabewegung wird auch 2020 auf die Straße gehen!

Bewegungsgeschichte

A propos Bewegung: In Frankreich sind die Gelbwesten nun seit über einem Jahr aktiv und damit mehr als eine Eintagsfliege. Über die politischen Binnenverhältnisse und kollektiven Erfahrungen, Erfolge und Sackgassen berichtet der Band „Wir sollten uns vertrauen. Aufstand in gelben Westen„. Das ganze ist weder völlig distanzlos noch zu abstrakt – Bewegungsgeschichte gut erzählt.

In „Blues der Städte. Die Bewegung 2. Juni – eine sozialrevolutionäre Geschichte“ beschreibt der Autor, selber linksradikaler Aktivist, die Geschichte der Bewegung 2. Juni, einer Stadtguerilla, die in den 1970er Jahren im wesentlichen im damaligen Westberlin agierte. Eine ausführliche Darstellung der BRD-Nachkriegsjahre ist gerade für jüngere Leser*innen ein guter Einstieg. Ebenso gelungen ist ein Personenregister aller an der Bewegung 2. Juni Beteiligter. Auch versucht sich der Autor erfolgreich an einer eigenen Bewertung verschiedener historischer linker und linksradikaler Aktionsformen und erlaubt sich erfreulicherweise auch zu umstrittenen Themen eine eigene Meinung.

Ein echter Wälzer ist Band 2 von „Krisen-Kämpfe-Kriege“ von Detlef Hartmann. Dieses 700 Seiten Epos stellt eine Art Lebenswerk des umtriebigen Autors dar. Die (Vor-)Geschichte des ersten und zweiten Weltkriegs wird gegen den Strich gebürstet anhand der ausführlichen politischen und ökonomischen Darstellungen in Deutschland, USA , UdSSR und (sehr viel weniger ausführlich) Japan. Hartmann versucht nachzuweisen, dass die dem Krieg immanenten Innovationsoffensiven nicht von reaktionären Kräften, sondern im Gegenteil von den jeweiligen Avantgarden zu verantworten war.

Achtung: Leninisten wird empfohlen, dieses Buch nur im Zusammenhang mit blutdrucksenkenden Mitteln zu konsumieren! Fragt Eure lokalen Buchhändler*innen nach weiteren unerwünschten Nebenwirkungen.

Romane

Zeitlich vor „Alle außer mir“ und „Über Meereshöhe“ geschrieben, ist „Eva schläft“ der erste Teil der Trilogie der italienischen Autorin Francesca Melandri zum Thema Väter. Melandri ist eine großartige Autorin und hat einen wunderbaren Stil zu schreiben. Hier verwebt sie die Lebensgeschichte von Eva, ihrer Mutter und deren großer Liebe zu Evas sozialem Vater auf Zeit mit der wechselhaften Geschichte von Tirolo-Sud (Südtirol) in den letzten einhundert Jahren. Beeindruckende Darstellung der Klassen- und Lebensverhältnisse in einem Landstrich, der von heute auf morgen 1919 italienisch wurde, wo die italienischen Faschisten ab 1922 die Schraube enger zogen und der später zu einer Region mit weitgehenden Autonomierechten wie z.B. Zweisprachigkeit wurde. Äußerst lesenswert!

Im Band „Die Gewitterschwimmerin“ erzählt Franziska Hauser eine große Familiengeschichte, die nah dran ist an ihrer eigenen. In Rückblenden geht es durch vier Generationen, Kaiserreich, nationalsozialistische Verfolgung, Antisemitismus, Résistance, DDR und der Zusammenbruch derselben. Sie schont keine ihrer Figuren, neben großen historischen Ereignissen existieren immer auch die familiären Situationen, die nicht selten von Missbrauch, Gewalt und Alkoholismus geprägt sind. Ein hartes Buch, ein gutes Buch.

Wer – wie wir – Annie Ernaux, Didier Eribon, Edouard Louis und Virginie Despentes verschlungen hat, kann sich auf “ Wie später ihre Kinder“ von Nicolas Mathieu freuen, ein rasanter Roman aus der abgehängten französischen Provinz. Auch hier geht es um die Scham der aus dem Arbeitsleben aussortierten Eltern, um die Verachtung durch die französischen Eliten, vor allem aber um die Reaktion der Jugendlichen darauf, ihre Ängste, ihren Hass und ihre Leidenschaften.

Die wunderbare Autorin Barbara Honigmanns kann sogar einen lesenwerten Roman über eine Straße in Straßburg schreiben – hier wollen wir aber ihr neues Buch „Georg“ über ihren Vater empfehlen. Bücher über Eltern scheinen ja gerade Konjunktur zu haben, das Leben von Honigmanns Vater, einem jüdischen Kommunisten, Spion, Intellektuellen, DDR-Bürger und Bohemien ist darüber hinaus ein lesenswertes Stück deutsche Geschichte als spannende Biographie verpackt – lesen!

In „Das Haus der unfassbar Schönen“ erzählt Joseph Cassara die reale Geschichte der queeren Protagonist*innen des ‚House of Xtravaganza‘, die schon im Film „Paris is burning“ erzählt worden ist: New Yorker Ballroom-Szene, Glamour, Transgender, Party, Drogen, Dragqueens, Gendertrouble, Gewalt, HIV – ein glitzernder, rasanter, bewegender Ritt durch eine Welt, in der sich Außenseiter*innen zusammentun um ein selbstbestimmtes wildes Leben zu führen, das sowohl neue Entbehrungen und hohe Kosten, aber auch Freiheiten mit sich bringt.

Enden möchten wir mit dem Hinweis auf einen historischen wieder neu aufgelegten Roman, den Ilsa Barea-Kulscar kurze Zeit nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs über ihre Zeit in Madrid 1936/37 geschrieben hat: „Telefónica“, den wir hier ausführlich rezensiert haben und dem wir viele aktuelle Leser*innen wünschen!

Was bleibt:

Auch bei den letzten Jahresempfehlungen Ende 2018 haben wir einen Song von Jan Böhmermann empfohlen (das Lied der Versandsoldaten über die Zustände im Zustellerwesen) – dieses Jahr verabschieden wir uns mit dem Song „Nazis auf Parties“ – ein Nazis-raus-Lied, in dem Böhmermann eine gut bewährte linke Türpolitik empfiehlt:

Licht an! Licht an! Ein Nazi auf der Party!
Da steht er! Da steht er! Ein Nazi ist im Haus!
Musik aus! Musik aus! Ein Nazi auf der Party!
Da steht er! Da steht er! Er sieht ganz harmlos aus!
Bier weg! Bier weg! Ein Nazi auf der Party!
Da steht er! Da steht er! Schmeißt den Nazi raus!

zu finden auf: https://www.zdf.de/comedy/neo-magazin-mit-jan-boehmermann/nazis-auf-parties-100.html

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