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Frauen*rechte und Frauen*hass

Schön: das Autor*innenkollektiv FE.IN, was für ‚Feministische Intervention‘ steht, hat im Verbrecher-Verlag einen Sternchentitel herausgegeben: „Frauen*rechte und Frauen*hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt“ (Verbrecher Verlag, 2019). Die Autor*innen verfolgen dabei einen doppelten Blickwinkel: es geht um frauen*feindliche antifeministische Politiken als auch um solche, die von rechts für ‚Frauenrechte‘ auftreten1. In einem dritten mitlaufenden Strang und als ein politisches Ziel des Buches wird für einen eigenen Queerfeminismus argumentiert, der „schlichtweg nicht offen [sein darf] für rechte Vereinnahmungen“.

Das schicke schwarz-pinke Büchlein erscheint zu einem sinnvollen Zeitpunkt: angesichts einer immer noch patriarchalen Gesellschaft, in der sexistisches frauen*feindliches Verhalten alltägliche Praxis und Erfahrung ist und in der momentan rechte bis extrem rechte Akteur*innen verstärkt gegen Feminismus und sogenannten ‚Gender-Wahnsinn‘ vorgehen. Eine Zusammenstellung, Analyse und Einordnung antifeministischer Strömungen tut also not, zumal Kenntnisse über derlei Aktivitäten und Ideologien bisher wenig verbreitet sind. Die Autor*innen stellen kritisch fest, dass geschlechtsspezifische Aspekte und Politiken bei der extremen Rechten bisher zu wenig analysiert würden, auch und gerade aus antifaschistischer Perspektive. Das Autor*innenkollektiv tut den Lesenden jedoch nicht den Gefallen, einfach nur ein paar spektakuläre Geschichten aus der extremen Rechten zu servieren, von denen es sich leicht und indigniert abgrenzen lässt. Es geht ihnen vielmehr immer um eine Verortung antifeministischer Haltungen und toxischer Männlichkeiten. Auch die eigenen Verstricktheiten in die patriarchale Gesellschaft werden angesprochen. In den Analysen antifeministischer und gleichzeitig rassistischer Mobilisierungen von rechts werden die durchaus bis ins konservativ-bürgerliche Lager hinein ragenden Akteurskonstellationen aufgefächert und sichtbar gemacht. Als Beispiele werden hier die Demonstrationen im pfälzischen Kandel rund um den Mord an einer 15-Jährigen aber z.B. auch politische Verteilungskämpfe um Frauenförderprojekte oder Genderstudies untersucht.

Es gelingt gut, die rassistischen Motive mancher ‚Frauenrechtler‘ herauszuarbeiten und somit liefert das Buch auch inhaltliches Handwerkszeug für Debatten, wie sie z.B. um die Silvesternacht in Köln 2015/16 geführt worden sind. Das Autor*innenkollektiv zeichnet hier auch innerlinke Streits nach und vertritt, dass es keine einfachen Antworten für komplexe Fragen wie die Verstrickungen von Sexismus und Rassismus geben sollte. Feministische Mobilisierungen wie von der Kampagne #ausnahmslos gerade nach Köln haben aber auch gezeigt, dass emanzipatorische Reaktionen möglich sind. Ähnlich dazu sezieren die Autor*innen auch die ‚Ehrenmord‘-Begrifflichkeit, ohne dabei den Sexismus aus dem Blick zu verlieren.

Auch in der antifaschistischen Szene selbst, zu der sich die Autor*innen zurechnen, werden Männlichkeiten und Mackertum kritisiert. Der in den Fokus genommene Frauen*hass darf demnach nicht externalisiert werden – er gehört vielmehr an allen Ecken und Enden bekämpft.

Das Autor*innenkollektiv argumentiert gut und nachvollziehbar, wo die Verbindungslinien liegen zwischen Hetze gegen political correctness, das Wüten gegen scheinbare ‚Sprachpolizeien‘, den „Demos für alle“ gegen ‚Homo-Rechte‘ und tödlichen bis hin zu terroristischen Angriffen mit antifeministischer Motivation.

Im Kapitel „Mörderischer Antifeminismus“ werden aktuelle und historische Beispiele tödlicher Gewalt gegen Frauen beschrieben und kurz eingeordnet: Die ‚Gruppe Ludwig‘ etwa hatte zwischen 1977 und 1984 aus christlich-fundamentalistischer Ideologie heraus mehrer Anschläge und Morde auch explizit gegen Frauen verübt. Unter dem Begriff ‚Incels‘, was für unfreiwilliges Zölibat steht (involuntary und celibacy), hat sich erst in jüngerer Zeit eine Gruppierung aus der explizit antifeministischen Männerrechtsbewegung gebildet. Durch die Zusammenstellung solcher Fälle leistet das Buch Dokumentationsarbeit. Gleichzeitig wird hierbei deutlich, wie viel es dazu noch aufzuarbeiten gilt. So werden z.B. die wichtigen und jahrelangen Kämpfe in Lateinamerika gegen Femizide wie die Kampagne „Ni una menos“ zumindest kurz genannt – ein tiefergehender Einblick in diese Erfahrungen könnte auch für hiesige Auseinandersetzungen sicher bereichernd sein und ist von feministischen Aktivist*innen oder Medien, die zu Lateinamerika informieren schon recht gut aufgearbeitet und dokumentiert worden.

Auch für den deutschsprachigen Raum, auf den sich die Herausgeber*innen konzentrieren, gäbe es sicher noch einiges an Material zu sichten. Wir vermuten, dass eine Bezugnahme auf Alice Schwarzers Arbeiten aufgrund ihrer rassistischen und einseitigen Positionen in Bezug auf Gewalt gegen Frauen und Migration unterblieb – nachvollziehbar. Die Frage wäre jedoch, ob sich im kritischen Sichten alter EMMA-Ausgaben nicht trotzdem weitere historische Erkenntnisse über Frauenmorde hierzulande finden ließen. Die Zeitschrift als ein wichtiges Medium der Frauenbewegung der späten 70er und 80er hatte zumindest häufig den Fokus auf Gewalt gegen Frauen gelegt, die hohen Fallzahlen von Frauenmorden beklagt und den Finger in die Wunde gelegt, was männlich dominierte Justiz und das Wegschauen bei sogenannten ‚Beziehungstaten‘ betraf. Auch Angriffe auf Frauenhäuser oder z.B. der bewaffnete Anschlag am 9. Januar 1979 durch die neofaschistische Gruppe NAR (Nuclei Armati Rivoluzionari) auf ein feministisches Radio in Rom werden dokumentiert – fünf Frauen wurden dabei u.a. durch Schüsse in den Unterleib schwer verletzt, einen Tag später gingen allein in Rom zwischen 30.000 und 50.000 Frauen wütend auf die Straße.

Frau kann die Autor*innen also nur unterstützen, wenn sie von „antifeministischem Terrorismus“ und „mörderischem Antifeminismus“ sprechen und diese Themen auf die Tagesordnung setzen.

Wir finden: viele sollten dieses Buch lesen, das Faktenwissen erweitern und Gegenstrategien zum Antifeminismus diskutieren und entwickeln. Die in den letzten Jahren größer gewordenen weltweiten Mobilisierungen zum internationalen Tag gegen #gewaltgegenfrauen lassen hoffen!

Links-Lesen-Kollektiv im November 2019

1 Beim letzterem Begriff ‚Frauenrechte‘ lassen die Autor*innen das * hinter Frauen absichtlich weg, um deren Ideologie der normativen und reinen Zweigeschlechtlichkeit zu zeigen

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