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Kritische Bücher statt Vatertags-Mist

Wir nehmen den „Himmelfahrts-Tag“, an dem oft genug saufende und pöbelnde Männerhorden die Straßen für viele andere Menschen unsicher machen zum Anlass, eine kleine Reihe kritischer, spannender oder nachdenklicher Bücher über Väter und Vater-Kind-Verhältnisse vorzustellen. Ansonsten empfehlen wir, z.B. in Potsdam gegen toxische Männlichkeiten zu demonstrieren unter dem Motto “ Lila statt Blau — Himmelfahrt streichen“ 30.5., 11 h auf dem Bassinplatz.

Im neu erschienenen biographischen Roman „Die Entfernung, die uns trennt“ arbeitet der Peruaner Renato Cisneros die Geschichte und das Verhältnis zu seinem Vater auf, der einer der wichtigsten Generäle der peruanischen Militärdiktatur war. Zwischen den Schilderungen über die von ihm begangenen Brutalitäten offenbart sich auch, wie Menschen über Generationen hinweg deformiert werden und wiederkehrende Männlichkeits-Muster erzeugt werden – bewegend.


Auf der anderen Seite der Erkundung von Familienverhältnissen in Diktaturen bewegt sich die Argentinierin Claudia Piñeiro mit „Ein Kommunist in Unterhosen“ : ein junges Mädchen beobachtet den Vater, der rätselhafterweise seinen Job verloren hat und dessen Geheimnisse sie nicht versteht. In die private Familiensituation bricht plötzlich die politische Realität in Form von Zensur und Verdächtigungen ein.


Auch „Kamtschatka“ spielt in Argentinien – ein sehr berührendes und gleichzeitig politisches und in Teilen witziges Stück über den Versuch eines Vaters, seinen Sohn vor der brutalen Realität der Verfolgung durch die Militärdiktatur zu schützen, in dem er das Leben auf der Flucht als Strategie-Spiel deklariert.


Die in Spanien sehr erfolgreiche Almudena Grandes hat mit „Der Feind meines Vaters“ einen wunderbaren Roman über eine andalusische Familie während der Franco-Diktatur geschrieben. Der Vater, um den es hier geht, ist ein Guardia-Civil-Beamter, der gegen die Rebellen vorgeht – der Sohn entdeckt erst nach und nach, was um ihn herum und in seiner Familie vorgeht.


Wer hat meinen Vater umgebracht“ ist die zweite Auseinandersetzung von Édouard Louis mit seinem gewalttätigen Vater, in der er mit mehr Verständnis und politischem Klassenbewusstsein der gesellschaftlichen und familiären Situation dieser Vater-Sohn-Beziehung in einer prekären Schicht nachspürt; Louis selbst und andere haben diesen Text auch im Zusammenhang mit den Protesten der Gelbwesten gestellt.


Vor einem französischen Hintergrund ist auch „Der Platz“ zu sehen: die vor allem mit sich selbst strenge und nüchterne Beobachterin Annie Ernaux entwickelt im Rückblick eine möglichst objektive Biographie ihres meist gefühlskalten Vaters, in der das Unterschichts-Milieu, aus dem sie stammt, einen großen Raum einnimmt – auch hier also wieder klassenbewusste Literatur as its best!


Alle, außer mirmuss mensch gelesen haben! Francesca Melandri gelingt hier ganz vieles in einem: ein Roman über italienische Kolonialgeschichte, Rassismus, Flüchtlingsschicksale und gleichzeitig die beeindruckende Schilderung einer Vater-Tochter-Beziehung, in der die Tochter im liebevollen Vater mehr und mehr auch den Patriarchen, Rassisten und Kriegsverbrecher erkennen muss.


Barbara Honigmann hat mit „Georg“ ihrem Vater und ihrer deutsch-jüdisch-kommunistischen Familie ein spannendes Porträt gewidmet. Hier wird Geschichte aus Tochter-Perspektive serviert: Emigration, DDR, Journalismus und mehrere Beziehungen mit bekannten und emanzipierten Frauen – und das alles wunderbar geschrieben.


Um DDR-Geschichte, Antisemitismus und einen nicht immer ganz einfachen Vater geht es auch in Dmitrij Kapitelmans „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ . Hier betreiben Vater und Sohn auf einer gemeinsamen Reise nach Israel Spurensuche und Familiengeschichte; heraus kommen wunderbare Beschreibungen über Fiktionen und Realitäten von so komplexen Dingen wie ‚Identität‘ und ‚Zugehörigkeit‘.

Eine weitere DDR-Geschichte hat Tatjana Böhme-Mehner mit „Warten auf den Vater“ geschrieben. Ihr gelingt die Auseinandersetzung mit der zwiespältigen Persönlichkeit ihres in der DDR bekannten Vaters erst nach dessen Tod. So begibt sich die Tochter auf die Spur des Doppel-Lebens von Ibrahim Böhme, der irgendetwas zwischen Bürgerrechtler und Stasi-Spion gewesen war.

Boys don’t cry“ ist ein persönliches Manifest des britischen Autors Jack Urwin mit dem bezeichnenden Untertitel: „Identität, Gefühl und Männlichkeit“. Urwins Vater starb, als der Sohn 10 Jahre alt war. Jahre später schrieb er diese scharfe Auseinandersetzung mit toxischer Maskulinität und ihren Folgen, von der auch Laurie Penny sehr begeistert war.


In „Vater unser“ möchte die Tochter ihren Vater am liebsten umbringen – dem Roman gelingt eine furiose Auseinandersetzung um Psychiatrie, Missbrauch und Familie. Wie Deutschlandfunk so treffend rezensiert, geht es in diesem österreichischen Debüt-Roman um: „Zurichtungen des Katholizismus, die erdrückende Dumpfheit zwischen Herrgottswinkel und Jörg-Haider-Bild, Rosenkranz und Lieblosigkeit

In diesem Sinne – kritische Bücher statt Vatertags-Mist und Bollerwagen-Irrsinn!

Euer LinksLesen-Kollektiv

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