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Die Gesellschaft des Zorns

Die neueste Veröffentlichung Die Gesellschaft des Zorns“ (transcript-Verlag) der momentan medial relativ präsenten Soziologin Cornelia Koppetsch mit Professur an der TU-Darmstadt versucht bereits im Untertitel das Sujet passend auf vier Worte zu komprimieren: Rechtspopulismus im globalen Zeitalter.

Die Autorin versucht zu ergründen, warum rechte Parteien und speziell die AfD in Deutschland es schaffen, eine Reihe von Wahlerfolgen zu feiern. Sie steht dabei zwar in einer Reihe mit vielen anderen Autor*innen, sticht aber durch empirische Analysen und Vorstellung aller gängigen Erklärungsmuster aus dieser erwähnten Reihe hervor. Auch spart sie nicht mit Kritik an ihrer eigenen Klasse, bzw. ihrer Fraktion innerhalb dieser Klasse, aber dazu später.

Koppetsch stellt generell Liberalität versus Reaktion, oder – um ihren Duktus zu benutzen – „Kosmopoliten gegen Konservative“. Der Fall der Mauer und als dessen Folge die weltweite Hegemonie des Neoliberalismus bilden für sie den zentralen Faktor zur Ausbildung der Stärkung neuer rechter Parteien. Die Durchdringung zunehmend aller Lebensbereiche durch Digitalisierung, Automatisierung der Arbeit, Entwertung traditioneller Arbeitsformen sind der Nährboden für die reaktionäre Mobilisierung. Hierbei wendet sie sich mit klaren empirischen Belegen gegen die – auch linke These – , dass es sich bei den Wähler*innen der AfD u.a. in erster Linie um sogenannte Modernisierungsverlierer handeln würde. Sie weist nach, dass die Sympathien für die Neurechten in allen Bildungs- und Einkommensgruppen vorhanden sind und sich nicht grundsätzlich unterscheiden. Doch es geht längst nicht allein um ökonomische Verhältnisse, sondern um einen gesellschaftlichen Klassenkampf im Sinne von Pierre Bordieu. Es geht neben ökonomischen Verteilungskämpfen eben auch um symbolische Konflikte, um die Ausdeutung und gesellschaftliche Machtverhältnisse im Sinne von Auseinandersetzungen um Geschmacks- und Lebensstilfragen. Dieser Klassenkampf spitzt sich auf die Frage zu, welche Lebensweise ist die eigentliche Lebensweise, welche Kultur ist die legitime Kultur?

Daher der Hass der Neurechten auf „die“ Medien, „die“ Eliten etc. Denn in deren Augen ist die als dekadent denunzierte Lebensweise der städtischen gebildeten Großstadtbevölkerung im gramscianischen Sinne hegemonial geworden und wird als Bedrohung empfunden. Die binäre Ordnung der Konservativen – Frau/Mann, schwarz/weiß, oben/unten – ist durcheinander gekommen und wird als Bedrohung empfunden.

Eine Mitverantwortung für den Aufstieg der Neorechten weist Koppetsch auch dem bürgerlichen, liberalen, akademischen Großstadtmilieu zu, also ihrer eigenen Fraktion. Diese These vertritt sie schon länger mit überzeugenden Argumenten, so auch in ihrem 2013 erschienen Werk „Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die verunsicherte Mitte“. Soziale Abschottungstendenzen durch „gated Communities“ – also Zäune um bewachte Wohnviertel, wo mensch unter sich sein will und es auch ist, die steigende Zahl von Privatschulen und der geradezu hysterisch anmutende Versuch, die eigenen Kinder bloß nicht mit Angehörigen niedrigerer Klassen in Kontakt kommen zu lassen, sowie die zunehmende Angewohnheit, Nichtakademiker*innen oder Landbewohner*innen kulturell und sozial abzuwerten, haben diesen rechten Kulturkampf zwar nicht ausgelöst, aber auch provoziert. Dieser neuen biedermeier-bionade Bürgerlichkeit geht es in vielen Fällen um Distinktion nach unten.

Leider bleibt Koppetsch durch und durch Soziologin und bemüht selten bis gar nicht interdisziplinäre Ansätze. Dies ist beim Versuch der Durchdringung des Phänomens Rechtspopulismus schade und auch latent ärgerlich.

Denn die alten Thesen bspw. von Wilhelm Reich („Massenpsychologie des Faschismus“) hinsichtlich der Hinwendung autoritär geformter Charakter nach rechts stellen immer noch wichtige Erklärungsansätze dar, warum Menschen sich den Neorechten zuwenden.

Auch aktuelle Publikationen wie „Erziehung prägt Gesinnung“ von Herbert Renz-Polster greifen diesen Ansatz wieder auf, aktualisieren ihn und geben Antworten z.b. auf die Frage, warum prozentual in der ehemaligen DDR viel häufiger AfD gewählt wird, als in der alten BRD.

Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch zum Rechtspopulismus, auch wenn man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass sich im zweiten Teil das Sujet etwas verlagert auf die Kritik an den Lebensweisen der bürgerlichen Mitte, die heute die Grüne Partei wählt. Aber auch das ist äußerst interessant.

LinksLesen-Kollektiv im Juni 2019

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