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Die Fallen des Multikulturalismus

Die in Frankfurt am Main lebende Autorin Cinzia Sciuto hat ein – in linken Kreisen – relativ heißes Eisen angefasst: mit ihrem im Züricher Rotpunktverlag (im italienischen Original bei Feltrinelli) erschienenen Buch „Die Fallen des Multikulturalismus“ wird sie hoffentlich zahlreiche Diskussionen auslösen.

Sciuto plädiert – immer im Rahmen der bestehenden Verhältnisse – für eine strikte Trennung zwischen Staat und Religion und argumentiert scharf und durchdacht. Dabei beschäftigt sie sich mit einer Vielzahl von religiösen Fundamentalismen, welche in Europa relevant sind, ohne sich etwa auf den Islam zu fokussieren.

Sciutos Buch ist in fünf Kapitel aufgeteilt, welche im Zweifel auch für sich gelesen werden können. Nicht ganz nachvollziehbar ist die in Teilen großzügige Verwendung von Fremdworten. Hier fühlt sich die Autorin vermutlich in der Pflicht, auch in gehobenen akademischen Kreisen mit ihrem Werk bestehen zu wollen. Das Buch ist dennoch in allen Bereichen der ca. 180 Seiten lesbar und kann nur dringend für alle empfohlen werden, die angesichts von Critical Whiteness, Cultural Appropriation und anderen aktuellen politischen Strömungen linke Analysen vermissen und auf der Suche nach Antworten sind.

Cinzia Sciutos Grundanalyse geht von dem Konflikt Mensch versus Gruppe in religiösen Gemeinschaften aus. Religiöse Führer werden nach ihr aktuell immer versuchen, ihre Gemeinschaft nach außen als homogen darzustellen, als Einheit mit klaren Positionen. Nur dadurch kann es ihnen gelingen, gewisse Sonderrechte gegenüber einem tendenziell säkularen Staat zu formulieren und im Rahmen des Multikulturalismus auch durchzusetzen. Hierbei tun dies in erster Linie eben Fundamentalist*innen, denn diejenigen Individuen und Fraktionen, denen ihre Religion tendenziell nicht so wichtig ist, haben in aller Regel keine großen Probleme mit den säkularen Regeln in westlichen Staaten. Die allermeisten Menschen erkennen bspw. das Recht auf Scheidung, Bildung und Meinungsfreiheit an.

Als Linke wissen wir aber natürlich, dass es in Gruppen aller Art, ob religiös, kulturell, politisch, sozial oder wie auch immer eine Gruppe zusammengesetzt ist, nie eine wirkliche Homogenität gibt. Es existieren immer Abweichler*innen, die aus den vorgegebenen Normen ausbrechen wollen, die etwas Neues ausprobieren wollen, die mit den tradierten Regeln nicht einverstanden sind. Ohne diesen Wunsch nach Neuem und Abweichendem würde es die Linke gerade in der BRD nicht geben, nachdem sie durch den Nazifaschismus quasi eliminiert wurde. Nach Sciuto muss es die Aufgabe einer Linken sein, gerade diese Abweichler*innen politisch zu unterstützen, um ein Ausbrechen aus reaktionären Mustern und Hierarchien überhaupt ermöglichen zu können. Denn häufig – wenn es z.B. um das Recht auf schulische Bildung oder Scheidung geht – kommen in religiösen Gruppen Frauen und Kinder unter die Räder. Der Autorin geht es um grundlegende Menschenrechte, die über dem Recht auf Religionsausübung stehen müssen. Und natürlich dürfen – und müssen – Linke sich einmischen, wenn es um Menschenrechte geht. Denn der „Respekt“– der häufig eingefordert wird und im Grunde nichts anderes meint, als dass sich andere herauszuhalten haben – kann nur gegenüber Menschen, aber nicht gegenüber Ideologien eingefordert werden. Platt gesagt: wenn z.B. Fälle häuslicher Gewalt – ein Euphemismus für Gewalt von Männern gegen Frauen und/oder Kindern – bekannt werden, muss eingegriffen werden. Völlig egal, ob diese Gewalthandlungen religiös motiviert oder begründet werden oder nicht. Menschenrechte sind unteilbar!

Sciuto wendet sich gegen jedes Sonderrecht für religiöse Gruppen allein mit dem überzeugenden Argument, dass allen anderen Gruppen Sonderrechte nicht zugestanden werden und damit religiöse Gruppen gegenüber anderen privilegiert werden. Im fünften Kapitel macht sie einen kleinen historische Ausflug ins Großbritannien der 1970er Jahre. Dort wurde der Multikulturalismus eher von oben eingeführt, als von unten gefordert.

Sie zitiert den britischen Schriftsteller indischer Herkunft Kenan Malik („Das Unbehagen in den Kulturen“). Dieser geht davon aus, dass sogenannte Minderheitengruppen religiöser Gemeinsamkeit in der bewussten Absicht geschaffen wurden, von politischen Interessen abzulenken, den Klassenzusammenhalt zu brechen und durch religiöse Solidarität zu ersetzen. Egal ob dies eine bewusste Strategie der Herrschenden war oder nicht, bleibt festzuhalten, dass genau diese Fragmentierung stattgefunden hat und der politische Zuschnitt von „Einwandererorganisationen“ von laizistisch und links nach religiös gewechselt hat. Sciuto wirbt daher in der Linken für einen Paradigmenwechsel. Der Akzent von der identitären Dialektik Mehrheit/Minderheit soll verschoben werden auf die politische Dialektik Unterdrückende/Unterdrückte. Es solle keinen Grund mehr geben, warum die Zugehörigkeit zu ethnischen oder religiösen Gruppen prinzipiell schutz- und erhaltungswürdiger sein sollte, als etwa die Zugehörigkeit zu einer niedrigen sozialen Schicht oder zu einem benachteiligten Geschlecht.

Religiöse und politische Fundamentalismen aller Coleur sind sich einig in ihrem Herrschaftsanspruch über Frauen. Sie vertreten somit reaktionäre Ziele, welchen politisch klar und eindeutig begegnet werden muss. Nach Sciuto darf es dabei keinerlei Rücksichtnahmen auf angebliche kulturelle Prägungen welcher Art auch immer geben. Hierbei wendet sie sich in diesem Zusammenhang auch gegen jegliche Identitätspolitik. Denn für die Nichtanerkennung grundlegender Menschenrechte kann es schlichtweg keine überzeugenden Begründungen geben.

Dieses Buch wird eventuell für einige Anti-Rassist*innen unbequem sein. Sie werden möglicherweise anmerken, dass eine Kritik bspw. am Islam nur rechten Kräften nutzen würde und dass sich eine solche Kritik angesichts rassistischer Diskriminierung angeblich verbieten würde. Cinzia Sciuto gelingt es sehr überzeugend und mit hervorragenden Argumenten eine solche Sicht zurückzuweisen.

Sciutos Perspektive ist durchweg links und feministisch – und ihr ist absolut zuzustimmen, dass die Linke und der Feminismus eigene Positionen entwickeln und einnehmen müssen, die erst einmal unabhängig davon sind, wie der Staat/die Rechten/die Mehrheitsgesellschaft etc. eine Angelegenheit sieht. Denn das Primat des Politischen ist auch im linken Lager für einige längst abgelöst vom Primat der Moral.

Cinzia Sciuto:Die Fallen des Multikulturalismus. Laizität und Menschenrechte in einer vielfältigen Gesellschaft“ August 2020, Rotpunktverlag, 208 Seiten gebunden, 24 Euro

Links-Lesen.de-Kollektiv im November 2020

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