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Spontis

Spontis Die edition assemblage hat die verdienstvolle Mühe unternommen, das Buch von Sebastian Kasper „Spontis“ über „eine Geschichte antiautoritärer Linker im roten Jahrzehnt“ zu verdeutlichen. Es ist gut aufgebaut und strukturiert und nimmt die Leser*innen bei der Hand auf eine Zeitreise durch die Jahre 1967-82. Auch ohne große Vorkenntnisse ist das Buch lesenswert, die Diskurse, Kampagnen und Verfasstheiten der undogmatischen westdeutschen Linken werden nachvollziehbar erklärt.

Anhand der drei Sponti-Hochburgen Hamburg, Frankfurt und – mensch höre und staune – München wird die aufregende Zeit zwischen außerparlamentarischer Revolte und dem Zerfall der Spontis beschrieben. Der Name Spontis ergab sich aus dem theoretischen Aufbau derselben, welcher stark vom italienischen Operaismus beeinflusst war, nämlich der Spontanität bzw. dem Spontaneismus der Klassenkämpfe. Dies grenzte sich somit bereits in der Theoriebildung von den orthodoxen K-Gruppen jener Zeit ab, bei denen die Linie entweder vom Politbüro in Peking (Maoist*innen) oder Ostberlin bzw. Moskau (DKP) vorgegeben wurde. Spontanität war dort nicht vorgesehen.


Die Spontis waren zwar keine Massenbewegung, konnten aber schon bundesweit auf mehrere 10.000 informelle Mitglieder zählen. Ihre Publikationen erscheinen insgesamt in höherer fünfstelliger Auflage und wurden sicherlich von noch viel mehr Leuten gelesen, da zu dieser Zeit viele, viele große WGs in den westdeutschen Unistädten existierten. Die wichtigsten Periodika waren der Frankfurter „Pflasterstrand“, das Münchener „Blatt“, die „Autonomie“, welche zunächst von einer Redaktion aus allen drei Städten und später als „Autonomie-Neue Folge“ in Hamburg produziert wurde, sowie „Wir wollen alles“, ebenfalls aus den erwähnten drei Städten. In München wurde der Trikont-Verlag gegründet als erster Alternativverlag, welcher linke Musik und Texte verlegte. Linke Buchläden gründeten sich bundesweit, ebenso Kollektivkneipen und all das, was wir heute als Alternativkultur kennen, schätzen und zum Teil auch als unpolitische Nischen kritisieren.


Die Spontis waren sowohl der Vorläufer der Autonomen wie auch der Alternativbewegung, da die Bewegung sich über die Jahre, häutete, transformierte und veränderte. Auch relevante Teile der autonomen Frauenbewegung entwickelten sich in und aus den Spontis heraus. Ohne Übertreibung lässt sich feststellen, dass die politische Landschaft in der BRD ohne die Spontis heute anders aussehen würde.
Durch die italienische Beeinflussung wurde Anfang der 1970er Jahre der Gang in die Fabriken angetreten und versucht, dort die Klassenkämpfe voranzutreiben. Dies führte zumindest in Teilen zu Ergebnissen, die so nicht vorherzusehen waren. Speziell junge Malocher*innen fühlten sich vom Leben der Spontis so angezogen und fanden das kollektive Leben in großen WGs und wöchentliche Feiern so attraktiv, dass sie ihre Jobs kündigten, mindestens das Fachabi nachmachten und an die Unis und Fachhochschulen strebten, statt weiterhin dem Betriebskampf zu frönen, was die Spontis von ihnen erwartet hatten. Die Spontis und mit ihnen viele andere Linke waren zu dieser Zeit von sehr großer Anzahl. Soziologische Untersuchungen gehen von einem Bevölkerungsanteil von ca. 5% in Westdeutschland aus. Da sich diese Szenen eher in den Uni-Städten bewegte, müssen sie dort einen weit höheren Anteil gestellt haben.

Eine Stärke des Buches ist es, dass der oft plumpen antideutschen These des angeblich so breit vorhandenen Antisemitismus der Linken hier differenziert und sogar in einem Exkurs-Kapitel mit vielen Beispielen und Textstellen entgegnet wird. Leider unterlaufen dem Autor hier ärgerliche Fehler, auch wenn er durchaus überzeugend differenziert vorgeht und analysiert. So wird auch hier der unsägliche Anschlag der Tupamaros Westberlin auf das jüdische Gemeindehaus in der Fasanenstraße bemüht, um den „offensichtlichen“ Antisemitismus „von Teilen der bundesrepublikanischen Neuen Linken“ nachweisen zu wollen. Natürlich war die Aktion antisemitisch konnotiert und ohne Frage auch darüber hinaus völliger Schwachsinn. Dadurch beweist sich aber nur der Antisemitismus derjenigen Leute, die den Anschlag durchgeführt haben. Alle hierzu bekannten Erklärungen aus der linken Ecke haben diese Aktion verurteilt. Es wurde sich auf das heftigste distanziert und die Aktion und diejenigen, die sie durchgeführt haben wurden kritisiert. Hier reichen Sekundärquellen eben nicht aus und die Verwendung von interessegeleiteter Renegatenliteratur a la Kraushaar sollte sich für Linke eigentlich verbieten. So machte Kraushaar bereits in der Überschrift seines Buches „Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus“ aus einem zeitverzögerten Brandsatz eine Bombe, was Kasper mit der Sprengsatz-Begrifflichkeit einfach übernimmt. Auch erscheint es uns nicht nachvollziehbar, dass durch die Verwendung des Begriffs „Verzweiflungstat“ durch die Spontis eine Aktion – hier das Olympiaattentat von 1972 – legitimiert worden sei. Vielmehr wird durch eine solche Bezeichnung politische Kritik geübt, statt legitimiert.


Schade ist auch, dass ein zentraler Bestandteil der damaligen politischen Betätigung, der Internationalismus äußerst knapp, wenn überhaupt behandelt wird. Die Volksfrontregierung in Chile, ebenso der dortige Putsch, die Nelkenrevolution in Portugal, der Sieg der vietnamesischen Bevölkerung gegen die damals wie heute stärkste und mächtigste Militärmaschinerie der Welt, die Niederringung des Faschismus in Griechenland und Spanien und vieles mehr und vor allem die damit verbundenen Hoffnungen, Enttäuschungen und vor allem Auswirkungen auf linksradikale Politik in der BRD, kommen so gut wie gar nicht vor.
Dafür finden aber die aufkommenden Auseinandersetzungen über das Patriarchat und Gewalt in der Sprache breiten und angemessenen Raum und der Autor kommt zu der für ihn offenbar überraschenden Erkenntnis, dass „die Diskussion um geschlechtergerechte Sprache älter ist, als oft angenommen“. Denn schon damals gab es Bemühungen in diese Richtung.
Die bewegte Zeit der 1970er Jahre kommt den Leser*innen schön nahe und die Entwicklung der Spontis wird überzeugend dargestellt. Ein Teil ging Anfang der 1980er Jahre in der grünen Partei auf, so die Promis Fischer und Cohn-Bendit, ein anderer Teil orientierte sich eher an den neuen sozialen Bewegungen und mischte im Anti-AKW-Widerstand und beim (wieder) entstehenden Häuserkampf mit.

Insgesamt ein sehr lesenswertes Werk.

. Mindestens aber zur Ergänzung und aus einem anderen, nämlich autonomen und sozialrevolutionärem Blickwinkel empfehlen wir zur linken Geschichte das vor kurzem im AV erschienene Werk von Roman Danyluk „Blues der Städte„. Auch wenn die Geschichte der Bewegung 2. Juni im Vordergrund steht, geht es viel um die 1970er Jahre, die Verfasstheit der westdeutschen Linken und das schwierige Verhältnis zu nationalen Befreiungsbewegungen im Nahen Osten usw.


Links-Lesen-Kollektiv im November 2019

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