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Mieterkaempfe

In Berlin, aber nicht nur da, hat das #besetzen neue Aktualität und Mitmachende gewonnen – wie passend hier ein frisch erschienenes Büchlein aus dem kleinen Berliner Verlag Bertz + Fischer, das sich auf die Spuren von Mieter*innenkämpfen begibt.

Wer immer schon wissen wollte, was Kakerlaken in Weckgläsern und Trabis als Pflanzkästen miteinander verbindet – im Buch Philipp Mattern: „Mieterkämpfe. Vom Kaiserreich bis heute – Das Beispiel Berlin“ findet sich die Antwort. Die Herausgeber*innen haben sich in der Geschichte von Mieterkämpfen in Berlin umgesehen und ein großes Potpourri an Widerstandspraxen ausgegraben. Das liest sich gut sowohl als historische Darstellung aber auch als Anregung für Aktivist*innen in heutigen Auseinandersetzungen um Miete, Wohnen und Stadtpolitik.

Ausgehend von den „Blumenstraßenkrawallen“ von 1872 werden Proteste, Erhebungen, Manifestationen unterschiedlichster Art von Mietenden, Wohnungssuchenden, Zwangsgeräumten, Besetzer*innen und Stadt(teil-)Aktivist*innen beschrieben. In den elf voneinander unabhängigen Kapiteln werden nicht nur unterschiedliche Zeiträume dargestellt, sondern auch verschiedene Perspektiven eingenommen. Das ist informativ und abwechslungsreich, weil Überblicksdarstellungen der Weimarer Zeit neben Mikrostudien über Stadtteilorganisation im Märkischen Viertel und dem Blick auf und aus migrantischen Sichtweisen vielerlei Eindrücke verschaffen. So ziehen sich Auseinandersetzungen zwischen radikalen und gemäßigten Flügeln durch fast alle Zeiten und Kämpfe. Mal wurden Demonstrationen brutal niedergeschlagen, mal Kiezinitiativen vom Verfassungsschutz beobachtet und bedrängt, mal bewirkte der Druck von der Straße Reformen, Gesetzesänderungen, neue Politikansätze oder auch Freiräume.

Den Autor*innen, die allesamt selber aus der Bewegung stammen und oder dazu forschen, gelingt es gut, sowohl die Erfolgsgeschichten als auch die Niederlagen zu vergegenwärtigen. Dies ist im besten Wortsinne lehrreich, weil z.B. genauso über die Schwierigkeiten von Mieter*innenorganisierungen geschrieben wird, wie über deren Ideenreichtum. Die internen Konflikte der Besetzer*innen (Verhandler*innen / Nichtverhandler*innen oder Ost / West) kommen ins Blickfeld, aber auch die Idee neuer gemeinschaftlicher Wohnformen und alternativer Gesellschaftsentwürfe. Man muss sich schon ein wenig in der Geschichte von Arbeiter*innenkämpfen auskennen, um hieraus z.B. förderliche Faktoren für Mieter*innenorganisation benennen zu können. Dadurch können dann Kiezstrukturen, Partei- und Kaderorganisierung z.B. der KPD aber auch die Bedeutung von Kneipen als Wohnzimmerersatz und damit Verabredungs- und Planungsorte herausgestrichen werden.

Die Entstehungsgeschichte von Wohnformen mit „Licht, Luft, Sonne“ während der Periode der Neuen Sachlichkeit, von Genossenschaften oder der „Behutsamen Stadterneuerung“ wird anschaulich hergeleitet. Aber auch neoliberale Stadtpolitik, Baufilz und Befriedungsstrategien werden nicht nur dargestellt, sondern aus Bewegungsperspektive so kommentiert, dass die Lektüre Diskussionsansätze und einen reichen Erfahrungsschatz ergibt. Fazit: Die Autor*innen – darunter auch einige aus dem Ausstellungskollektiv „Kämpfende Hütten – Urbane Proteste in Berlin von 1872 bis heute“ – haben spannende Geschichte von unten (nicht nur) für Aktivist*innen von heute geschrieben, oder kurz zusammengefasst:

Krawallgeschichte im praktischen Hosentaschenformat.

Links-Lesen-Kollektiv

 

 

 

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