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Nichts bleibt

Als ich davon hörte, dass Yok seine Biografie bzw. ‚Autonomografie‘ „Nichts bleibt“ schreibt, war mein erster Gedanke, wer soll das lesen? Und warum schreibt er die? Autonome, die an die Öffentlichkeit gehen, sind schon mal selten und dann noch auch mit privaten Gedanken, Geschehnissen und Geheimnissen? Aber das Buch aus dem Mainzer Indepent-Verlag Ventil lohnt sich, ich bin sehr positiv überrascht.

Und natürlich ist es nicht zulässig, Yok auf sein Autonomen-Sein zu reduzieren. Als bekannter Szene-Musiker (u.a. Yok Quetschenpaua, Tod und Mordschlag, Revolte Springen, Option Weg) schreibt er über mehr als Politik, nämlich sein Leben und die Dialektik zwischen autonomer Politik und Subkultur.

Er beschreibt sein Aufwachsen in Itzehoe in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Eine Zeit, die für die meisten heutigen autonomen Aktivist*innen so weit weg sein dürfte, wie die Steinzeit. Yok spart peinliches nicht aus, so seine Bewerbung bei der Polizei nach der Schule. Er beschreibt seine Politisierung und Radikalisierung und parallel dazu die Leidenschaft für Musik, sowohl aktiv wie passiv. Seit den 80er Jahren tritt Yok als Straßenmusikant mit seinem Akkordeon auf, später auch in geschlossenen Räumen und durchaus vor größerem Publikum in besetzten Häusern, linken Zentren und anderen Locations. Umzug nach Hamburg und bald darauf nach Westberlin, Yok nimmt seine Leser*innenschaft mit auf eine schwarz-rote Zeitreise, voll mit Demos und Konzerten.

Die gesamte Schreibe ist flott und lesbar, aber ein dickes Buch mit vielen Kapiteln bedeutet nicht gleichzeitig unbedingt auch immer viel Tiefgang. So beschleicht einen hie und da das Gefühl, dass zumindest einige Teile relativ oberflächlich bleiben, vielleicht allein, weil sie sehr kurz abgehandelt werden. Eventuell sollte zu Lasten von mehr Ausführlichkeit auch alles rein, was Yok wichtig war und ist. Im zweiten Drittel fehlte mir daher ab und an etwas Tiefgang. Aber dann wird im letzten Drittel inhaltlich und politisch schwer aufgedreht. Yok zeigt etwas, was heute in der autonomen Szene nicht mehr selbstverständlich ist: er bezieht offen Position und zeigt Haltung auch in schwierigen Fragen. Der Beifall dafür dürfte längst nicht von allen kommen, aber um es mit einem von ihm in dessen Frühzeit geschätzten Musiker zu sagen: Für eine solche Position bekommt man von allen möglichen Seiten was auf die Fresse – aber immerhin nicht von vorn. Ab und an haben sich kleine historische Fehler ins Buch eingeschlichen, z.B. wer ist wann und wie lange in den Knast gekommen, was den Wert aber nicht ansatzweise tangiert. Aber etwas Lektorat hätte da nicht geschadet.

Auch jetzt mit Ende 50 ist Yok nicht ansatzweise im Mainstream von irgendetwas angekommen. Er verweigert sich weiterhin den gängigen Karriereerwartungen, lebt weiterhin prekär, ist seinen politischen Überzeugungen treu geblieben, setzt auf die Solidarität und schätzt auch nach mehr als 1.000 Auftritten weiterhin die kleine Bühne für seine Musik bspw. auf linken Straßenfesten.

Alles in allem ein prima Buch für alle, für die linke Politik und Subkultur zusammen gehören.

Yok: „Nichts bleibt. Die Quetschenpaua-Autonomografie

Links-Lesen.de-Kollektiv

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