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Berlin – Stadt der Revolte

Vielleicht ist eine Taschenbuchausgabe geplant, dann wäre es etwas leichter, Berlin – Stadt der Revolte einzustecken und sich auf die Spuren der beschriebenen Orte zu begeben, um Ost- und West-Berlin neu zu entdecken oder besser kennen zu lernen.

Das neu erschienene Buch der SPIEGEL-Journalisten Sontheimer und Wensierski ist ein Buch zum Verschenken an diejenigen, die Teil der Revolten waren, damit sympathisiert haben oder neugierig auf diesen Teil der Geschichte sind. Vielleicht ist es für manche Leser*innen aber auch ein Berlinführer, der Lust macht weiter zu stricken an der Revolte-Geschichte der Stadt.

In der taz, die tageszeitung: Vorabdruck „Berlin – Stadt der Revolte“
Von Gammlern und Hippies, Michael Sontheimer und Peter Wensierski erzählen die Geschichte des rebellischen Ost- und Westberlins seit den 60ern.

Wir meinen:

Geschehnisse aus den Jahren 1965 bis 1992 werden von unten erzählt, anhand von ganz konkreten Berliner Adressen, aus Ost- wie aus West-Perspektiven. Die Autoren vertreten die These, dass sich die Revoltierenden beider Stadtteile einander nahe fühlten, was aus manchen Schilderungen auch hervorgeht, in anderen eher kritisch gesehen wird – als Frage an die Erzählenden hätte es manchen Beiträgen vielleicht noch etwas Temperament verschafft…

Mit derselben Sympathie, mit der die Autoren den Revolte-Begriff mit Agnoli stark machen, begegnen sie auch ihren Interviewpartner*innen und Akteur*innen und erzählen deren Aufbegehren anhand eines konkreten Ortes. Berliner Unis während 1968 und zu TUNIX, klandestine Wohnungen der RAF, das „Volksgefängnis“ für Peter Lorenz, stille und weniger stille Hausbesetzungen, Standorte von Piratensendern, Kinderläden, der Umweltbibliothek, die erste Ost-Kommune, autonome Frauenzentren oder Untergrundverlage der DDR-Opposition werden ausfindig gemacht und die Geschehnisse aus Perspektive von Beteiligten nacherzählt. Zusätzlich werden Hintergründe recherchiert und aufbereitet – so lassen z.B. Zitate aus der Springer-Presse die stumpfe BRD der 60er nochmals lebendiger werden – aber auch das ‚Neue Deutschland‘ ätzte mit NS-Vergleichen in Bezug auf das Stones-Konzert.

Spätere Lebenswege von Protagonisten werden nachgezeichnet, wie der von Horst Mahler nach ganz rechts. Während dem „Gen der Revolte“ nachgespürt wird, wird gleichzeitig der Geist derjenigen aufgedeckt, die während der NS-Zeit das Sagen hatten und sich in der jungen Bundesrepublik prächtig einzurichten verstanden.
Das Buch lebt auch von vielen kleinen Anekdoten und hervorgekramten Geschichten, wie z.B. über die selbstorganisierten zweiwöchentlichen Bustouren für Frauen von West-Berlin in die Niederlande, um dort abtreiben lassen zu können.

Die ausgesuchten Revolten werden nicht rückwirkend melancholisch überhöht – nur im Nachwort klingt etwas Trauer über den aktuellen Berlin-Lifestyle an: Berlin ziehe „nicht mehr junge Anarchisten und Künstler an, sondern die karrieristischen Töchter und Söhne der Wohlhabenden aus München und Stuttgart“.

Die Autoren treffen meist einen guten Ton, die Ernsthaftigkeit und das emanzipative Moment werden empathisch eingefangen, auf beiden Seiten der Mauer („die Straße kochte und ich bin hinter der Mauer“). Aber auch Sackgassen oder Misserfolge finden Erwähnung sowie Lebenswege, die im Drogenrausch enden oder das West-Kinderladenprojekt in der Kopfstraße, das im Nachhinein selbstkritisch analysiert wurde: „Wir erzogen gegen uns“.

Wer dabei war oder mehr wissen will, wird sich in einigen Kapiteln über die Oberflächlichkeit vieler Darstellungen ärgern, es ist aber auch eine logische Folge der Vielfalt und Breite der Revolten, die in 56 Kapiteln dargestellt werden; Literaturtipps zur Vertiefung finden sich im Anhang.

Bei manchen – viel weniger politischen – Berlinreiseführern bleibt am Ende oft ein etwas schaler Beigeschmack darüber, dass es inzwischen einfach ist und sogar zum guten Ton gehört, die früheren Hausbesetzungen wegen ihres Beitrags zum Erhalt der alten Bausubstanz in Kreuzberg zu loben – dieses Buch allerdings gibt zumindest der Position Raum, die die Notwendigkeit der Radikalität bis hin zur Militanz erläutert: „wer sofort einen Kompromiss vorschlägt, kommt in der Politik nicht weit“. Und für’s Bewegungsgedächtnis wird auch nochmal erwähnt, dass es ein rot-roter Senat war, der 2004 die Betreibergesellschaft einiger legalisierter ex-besetzter Häuser, die GSW, an ein Konsortium unter Goldman-Sachs verscherbelte.

Als Kollektiv hat uns am besten ein Fundstück vom TUNIX-Kongress gefallen, der Veranstaltungstitel: „Linke Kneipen – Abfüllstation oder Gegenöffentlichkeit: Berichte von Berliner Kneipenkollektiven aus ihrer mehr oder weniger feuchten Praxis“.

Links-Lesen-Kollektiv

Sontheimer/Wensierski: Berlin. Stadt der Revolte

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