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Protest und Menschlichkeit

Wolfgang Benz: Protest und Menschlichkeit

Der Historiker und emeritierte Professor der TU Berlin hat ein feines und gut lesbares Buch über die Widerstandsgruppe „Onkel Emil“ aus Berlin-Steglitz gegen die NS-Diktatur geschrieben. Auf 220 Seiten beschreibt er zum einen die Strukturen der Gruppe wie auch die staatlich entfesselte Judenverfolgung von den ersten Amtshandlungen der Nazis bis zum wissenschaftlich ausgearbeiteten und industriell durchgeführten Völkermord in den Konzentrationslagern.

In Berlin-Steglitz lebte ein Freundeskreis von Nazigegner*innen, die – im Gegensatz zur übergroßen Mehrheit – nicht bereit waren, alles hinzunehmen, was die Nazis befahlen. Nach dem 9. November verstecken sie ihre jüdischen Bekannten vor den tobenden SA-Horden und bieten in der Folgezeit auch weiteren – ihnen unbekannten – Menschen Schutz vor der Naziverfolgung. Dieser Schutz wird auch Deserteuren und untergetauchten Nazigegner*innen gewährt. Die Gruppe war politisch nicht gebunden, sondern eher ein Freundeskreis, einzig die Ablehnung der Nazis verband sie. Sie verstecken nicht nur Verfolgte, sondern nehmen auch an koordinierten Propagandaaktionen des Berliner Widerstands teil. So wird u.a. verabredet, in der Nacht vom 18. auf den 19. April 1945 in möglichst vielen Berliner Straßen die Parole „Nein“ zu malen – was den Gegensatz zum „Ja“ auf die bekannte Frage von Goebbels bei seiner berüchtigten Rede im Sportpalast („Wollt ihr den totalen Krieg?“) ausdrücken sollte. Die Aktion wird erfolgreich durchgeführt, niemand wird festgenommen. Die Gruppe besorgt auch Lebensmittelmarken und Ausweise, denn die Untergetauchten müssen versorgt werden. Dies geschieht teilweise durch Einbrüche in Ämtern oder geschickte Täuschungsaktionen, wenn man sich bspw. als Ausgebombte ausgab und neue Lebensmittelmarken benötigte, weil die alten nun mal leider leider vernichtet wurden. Es gab offensichtliche vielfältige Kontakte zu anderen Berliner Widerstandsgruppen, es wurde sich gegenseitig unterstützt und geholfen in diesem Netzwerk, aber eben auch gemeinsame Aktionen durchgeführt. Der Schwerpunkt der Gruppe „Onkel Emil“ lag aber eindeutig auf der konkreten Unterstützungsarbeit von Untergetauchten und nicht auf direkten Aktionen gegen das Naziregime.

Benz beschreibt teilweise akribisch die Lebensläufe der Gruppenmitglieder, sowohl vor dem Krieg wie auch danach. So werden die Akteur*innen sehr lebendig und bekommen ein Gesicht. Auch dem „Innenleben“ der Gruppe widmet er einige Seiten. Wer/welche bspw. Polyamorie für eine neue Art Beziehungen zu leben aus den 21. Jahrhundert hält, wird vielleicht überrascht sein, dass dem keinesfalls so ist. Teilweise hat der Autor auch leicht skurrile Geschehnisse ausgegraben, wie die Geschichte eines untergetauchten Juden, welcher bei einer bürgerlichen Offizierswitwe untergebracht war. Deren Tochter und der Untergetauchte verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Als die Mutter dahinterkommt, verweist sie – zumindest für eine Zeit – ihre Tochter des Hauses. Der Verfolgte hat selbstverständlich weiter Anspruch auf Obdach und Schutz und darf bleiben.

Die Gruppe schafft es, eine ganze Reihe von Untergetauchten zu retten. Auch sie selbst fliegen nie auf und überleben die Zeit bis zur Befreiung durch die Rote Armee. Deshalb gab es auch nur wenige Dokumente über die Gruppe und es ist das Verdienst von Wolfgang Benz, diese mutigen Menschen literarisch zu ehren und an sie zu erinnern. Denn sie haben gezeigt, dass Widerstand möglich und leistbar war.

Man kann allerdings mit Fug und Recht eine – nicht wesentliche – These des Autors in frage stellen, wonach erst mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 „Zivilisation und Kultur, bürgerlicher Anstand und gesellschaftliche Ordnung in Deutschland zusammen(brachen)“. Nicht nur, aber auch durch die brutale Verfolgung von Kommunist*innen, Sozialdemokrat*innen, Gewerkschaftler*innen und anderen Gegnern der Naziherrschaft direkt nach der Machtergreifung bzw. -übergabe dürfte dieser Schritt bereits wesentlich früher erfolgt sein. Unbestritten stellte aber der 9. November 1938 eine rasante Eskalation in dem Versuch des Auslöschens jüdischen Lebens in Deutschland dar.

Links-Lesen.de-Kollektiv im Juli 2020

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