Die in Montreal geborene Historikerin und Autorin Judy Batalion ist Enkelin einer polnisch-jüdischen Holocaust-Überlebenden. Sie kam über die Auseinandersetzung mit den Traumata ihrer Familie zur Beschäftigung mit jüdischer Widerstandsgeschichte. Das über 600 Seiten starke Buch Sag nie, es gäbe nur den Tod für uns. Die vergessene Geschichte jüdischer Freiheitskämpferinnen„, hrsg. bei Piper, ist eine enorme Fleißarbeit und Sammlung beinah vergessener Geschichten und Biografien von jungen Frauen und Mädchen, die in den Ghettos Osteuropas einen unglaublich mutigen Kampf führten gegen die grausame Besatzungs- und Vernichtungspolitik der Nazis.

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Im Lesesaal der British Library in London war die kanadische Forscherin Judy Batalion auf eine vergilbte Blättersammlung gestoßen – eine Sammlung von Erinnerungen und Berichten jüdischer, vor allem polnischer Frauen, die gegen die Nazis gekämpft hatten. Die 200 eng beschriebenen Seiten in jiddisch wCover des digitalisierten Buchesaren 1946 in New York erschienen.

In diesem lange verschütteten Erinnerungsmemorial „Freuen in di Ghettos fanden sich Darstellungen von Kurierinnen zwischen Ghetto und außerhalb, über Schmugglerinnen von Waffen, Geld und Flugblättern, von Spioninnen, Agentinnen und weiteren Widerstandskämpferinnen.

(Das United States Holocaust Memorial Museum hat hier die inzwischen digitalisierte Version bereitgestellt.)

Die historischen Unterlagen waren schwer zu entziffern, schwer zu lesen, noch schwerer nachzurecherchieren und zu bewerten. Auch die Begrifflichkeiten bargen Herausforderungen: Batalion schreibt:

„Mehrere Historiker stehen dem Begriff » Kurier-Mädchen « kritisch gegenüber. Kurierin, so argumentieren sie, sei abwertend. Es klinge trivial, passiv, wie ein Postbote, der Briefe zustellt. Das trifft für diese Frauen nun ganz und gar nicht zu. Sie waren Waffenbeschafferinnen und -schmugglerinnen, Geheimdienstagentinnen und, nach ihrer hebräischen Bezeichnung, kashariyot, Bindeglieder. Die Kuriertätigkeit ( nach dem französischen courir: laufen ) war während des Holocaust eine ebenso gefährliche Angelegenheit wie das Kämpfen mit Waffen“

(S.523)

Für das Buchprojekt benötigte die Autorin mehr als 10 Jahre, wie sie im ausführlichen Nachwort reflektiert. Sie führt auch emotionale und familienhistorische Aspekte als Gründe für diese lange Dauer an. Erst gut 10 Jahre nach der Entdeckung des Manuskriptes flog sie nach Israel, um Nachkommen der Kämpferinnen zu treffen und in dortigen Archiven weiter zu forschen.

Auf dem Buchcover ist Renia Kukiełka abgebildet. Von der aus dem polnischen Jędrzejów stammenden Kurierin1 der Widerstandsgruppe Dror (Freiheit) stammt ein Kernstück der in London entdeckten Berichte. Batalion erzählt deren Geschichte in einer Art Hauptstrang ihres Buches nach. Kukiełka war mit ihrer Familie vor den nach Osten vordringenden Nazis geflohen und es gelang ihr, sich als christliche Polin zu tarnen und in Warschau unterzukommen und sogar Teile ihrer zerstreuten Familie wieder zu finden. In einem Kibbuz nahe Będzin sammelten sich zionistische Freunde und Genossinnen schließlich und organisierten Widerstand, schleusten Personen in und aus den Ghettos, lieferten Nachrichten, Geld, Lebensmittel, aber auch Waffen. Lebensmut, Überlebenswille – aber auch Verzweiflungstaten und Zorn im Angesicht des alltäglichen Gräuels und des bevorstehenden wahrscheinlichen Todes befähigten einige dieser jungen Frauen zu äußerst mutigen Taten.

Batalion versucht in einer Art historiografischen Erzählweise, sich in die damaligen Lebenssituationen hineinzuversetzen und wechselt zwischen einen romanartigen Stil und sachbuchartigen Darstellungen:

Da wurde Renia plötzlich klar: Sie war nicht einfach nur eine getarnte Jüdin, sondern eine Untergrundagentin, vertraut mit Interna und Codes, Tests und unerwarteten Wendungen. Sie war eine aus einer langen Reihe von Kurierinnen in diesem Krieg, auf Hebräisch kashariyot, was die Funktion etwas differenzierter beschreibt: Verbindungsperson. Kashariyot waren in der Regel unverheiratete Frauen zwischen fünfzehn und Anfang zwanzig, die sehr engagiert in ihren Jugendbewegungen gewesen waren oder sie sogar geleitet hatten. Sie waren tatkräftig, geschickt und mutig und vor allem bereit, immer wieder ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

(S.211)

Nur wenige dieser Frauen überlebten und konnten davon später berichten. Aber auch das Berichten fiel vielen von ihnen schwer, nicht allen gelang nach der Befreiung ein Ankommen im Alltag.

Die 1917 in Będzin zur Welt gekommene Chajka Klinger z.B. war sehr früh bei der sozialistisch-zionistischen Gruppe Hashomer Hatzair (Der Junge Wächter) aktiv gewesen, später auch in der Jüdischen Kampforganisation ŻOB. Für den 5. September 1939 war die Übersiedlung mit ihrem Freund nach Palästina geplant – der Einmarsch der Deutschen wenige Tage zuvor verhinderte nicht nur diese Pläne, sondern war der Beginn der mörderischen Besatzungs- und Verfolgungspolitik, der Chaika Klinger ab dann ausgesetzt war. In ihrer Gruppe hatte sie eine Führungsrolle inne und unternahm zunächst viele sozialpolitische Aktivitäten für Kinder und Waisen, aber auch Seminare, Bildung und Schulungen, schließlich Untergrundaktivitäten, um sich gegen die Besatzung und die immer häufigeren Selektionen und Razzien zu wehren. Es wurden Fluchttunnel gegraben, Menschen mit falschen Papieren ausgestattet oder verkleidet, um den Deutschen zu entkommen. Im neu gegründeten ŻOB in Zagłębie wurde schließlich eine Waffen- und Sprengstoff-Werkstatt aufgebaut – was ein mutiges und logistisch herausforderndes Unterfangen! Klinger selbst war immer eine Verfechterin des jüdischen Aufstands gegen die Nazis gewesen und eng mit den Protagonist:innen des Warschauer Aufstandes in Kontakt. In ihren 1943 verfassten Tagebüchern „I am writing these words to you“ schreibt sie

Keine revolutionäre Bewegung, geschweige denn eine der Jugend, war je mit ähnlichen Problemen konfrontiert worden wie wir – der absoluten, ungeschminkten Tatsache der Vernichtung, des Todes. Wir standen ihr Auge in Auge gegenüber und fanden eine Antwort. Wir fanden einen Weg … hagana [Verteidigung].“

(S.156f)

Chajka Klinger fiel den Nazis in die Hände, wurde gefoltert, sah und erlebte den Mord an vielen ihrer GefährtInnen. Sie konnte fliehen. 1944 gelangte Chajka Klinger zusammen mit Renia Kukiełka über Ungarn und viele Umwege nach Haifa in Israel. Ihre Tagebücher und Berichte galten als wichtige Zeugnisse – die Rolle als Zeugin war jedoch auch brutal. Sie gründete eine Familie, litt jedoch unter schweren Depressionen und Einsamkeit und geriet in politische Konflikte mit ihrer ehemaligen Gruppierung – sie erhängte sich am 18. April 1958, dem 15. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto.

Judy Batalion erzählt in ihrem Buch mehrere Lebensgeschichten ausführlich nach. Dafür recherchierte sie Memoiren, Zeitzeugenberichte, Video-Interviews, Gespräche mit Kindern und Enkeln der Frauen in verschiedenen Sprachen. Sie musste mit Namensänderungen, verschiedenen Schreibweisen, gefälschten Dokumente und Ausweisen, Tarn- und Spitznamen, verzerrenden Darstellungen durch die Nazi-Behörden und den Problematiken von Erinnerungsliteratur umgehen. Im letzten Teil des Buches reflektiert sie diese Herausforderungen:

„Das Gedächtnis ist ständig in Bewegung, Erinnerungen sind keine >kalten Daten<“

(S.520)

Sie dokumentiert bewegende Schicksale, bisher unbekannte Biografien, beeindruckende Handlungen gegen eine schier übermächtige und brutale Besatzung und spürt viele kleine und große Begebenheiten auf, alles ausführlich mit Fußnoten und Belegen dokumentiert. Die Art und Sprache der oft historiografischen Nacherzählung fällt manchmal zu sehr ins kitschig-gekünstelte, wenn z.B. Besprechungen der Frauen von Aktionen erzählt, eben auch ausgedacht werden; die Faszination an den von ihr entdeckten und recherchierten Schicksale führt hier leider hier und da zu unglücklichen oder seltsamen Formulierungen. Angesichts der Monströsität dieses Teils der Geschichte, ist dies vielleicht aber auch manchmal nachvollziehbar…

Ein ähnliches Phänomen findet sich z.B. auch in den Büchern von Nechama Tec über die Bielski-Partisanen in Weißrussland, z.B. „Bewaffneter Widerstand“

Der dokumentarische und historische Wert des Buches von Judy Batalion ist jedenfalls unbestreitbar. Das Buch bedeutet auch eine späte Anerkennung der todesmutigen Aktivitäten von oft sehr jungen Frauen im Widerstand gegen die Nazis. Darum von uns eine Lese-Empfehlung – das Buch benötigt Zeit (wie auch diese Rezension einige Zeit benötigt hat) und ist sprachlich nicht immer angenehm zu lesen – von sehr gewaltvollen Schilderungen ganz abgesehen. Der Erkenntnisgewinn ist jedoch bedeutend.


1    Batalion entschied sich für die Verwendung dieses etwas strittigen Begriffes


Bronka Winicka-Klibanskis Koffer

„Bronka Klibanski, eine Freiheit-Kurierin aus Białystok schmuggelte einen Revolver und zwei Handgranaten in einem Landbrot in ihrem Koffer. Am Bahnhof fragte ein deutscher Polizist, was sie da bei sich trug. Indem sie » beichtete «, dass sie Lebensmittel schmuggele, konnte sie vermeiden, ihren Koffer öffnen zu müssen. Ihre » ehrliche Beichte « weckte den Beschützerinstinkt des Polizisten. Er wies den Zugschaffner an, sich ihrer anzunehmen und dafür zu sorgen, dass niemand ihr oder ihrem Koffer zu nahe kam“

(S.269)

Danke für die freundliche Genehmigung zur Verwendung dieses Bildes an das Ghetto Fighters House Archives


Judy Batalion:Sag nie, es gäbe nur den Tod für uns. Die vergessene Geschichte jüdischer Freiheitskämpferinnen„, Juli 2021, Piper Verlag, 624 Seiten Hardcover, 25 Euro

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