Stefanie Sargnagel: Iowa – ein Ausflug nach Amerika

Queerfeminism meets ‚God’s Own Country‘ – zwar nicht im Bible Belt, aber immerhin im Heartland, eben in Iowa. In diesem Midwestern State hat die bekannte Wiener Autorin, Comedian, Obfrau der feministischen Burschenschaft „Hysteria“ und Antifaschistin Stefanie Sargnagel im 8.000- Seelen- Kaff Grinnell einen Lehrauftrag in creative writing übernommen – natürlich ohne einen Funken Ahnung, wie das gehen soll…

Buchcover "IOWA"

Um den Start dort etwas leichter zu machen, kommt ihre gute Freundin und Bühnenpartnerin Christiane Rösinger aus Berlin mit. Rösinger ist auch Älteren u.a. bekannt durch die Indie-Band Lassie-Singers aus den späten 1980er Jahren. Sie hat sich ausbedungen und bekommt das Recht, Sargnagels Buch durch Fußnoten zu ergänzen, zu korrigieren und zu kommentieren – ein Konzept, welches prima funktioniert und dem Projekt erkennbar gut tut. Sargnagel und Rösinger benehmen sich wie ein altes Ehepaar, wenn sie sich gegenseitig auf die Schippe nehmen. Rösinger, die gut 20 Jahre älter ist, wirft Sargnagel wiederholt ageism und ihre milleniumhafte Verweichlichung vor. Diese kontert u.a. mit Kritik hinsichtlich technologischer Verweigerung und anderer Starrsinnigkeiten. Feminismus der 1980er Jahre trifft auf die aktuelle reloaded Variante, was nicht immer zu gemeinsamen Positionen führt. Schon gar nicht, was die Einstellung zu Liebesbeziehungen angeht. Aber beide kommen immer wieder im Punk zusammen.

Häufig passiert in dem Buch – angesichts der ländlichen Öde von Iowa nicht weiter überraschend – auch: nichts. Dennoch wird es selten bis gar nicht langweilig.

Klischees über diese Einöde und seine Einwohner*innen werden liebevoll und niemals böse platziert und Sargnagel hat schönerweise große Sympathien für Underdogs und weiß sich jeglichem Standesdünkel zu enthalten. Sie hat auch keinerlei Scheu, sich im trailerpark mit den dort Lebenden alkoholmäßig abzuschießen. Die Beschreibungen der Absturzkneipen, wo sich die prekären Nicht-Studierenden treffen, der stets politisch bemüht korrekten Studierenden, der riesigen Walmarts, der Hyperstores für alles, was Tiere und Menschen töten kann, sind witzig, genau und gekonnt. Dazu kommt, dass die Eigenbeschreibungen der Autorin selbstkritisch, uneitel und reflektiert rüberkommen, was in der Gesamtheit natürlich auch heißen könnte, sich selbst ziemlich tough zu finden – was jetzt kein Vorwurf sein soll.

Immer wiederkehrendes Thema ist das Essen. Das erste Frühstück nach dem Ankommen

schmeckt entsetzlich, unangenehm fettig und klebrig süß. Weil wir noch nicht daran gewöhnt sind, wissen wir nicht, dass dies eine der besten Mahlzeiten gewesen sein wird.“

Die genaueren Beschreibungen der verschiedenen Fast-Food-Höllen und ihrer – nun ja – kulinarischen Angebote können ziemlich verstörend wirken und müssten mit einer eigenen Trigger-Warnung versehen werden… Auch die diversen Getränkebeschreibungen sind mindestens irritierend. Nicht nur, dass (und das in Chicago!) der Negroni fertig gemischt vom Fass gezapft wird, sondern es gibt auch Mountain Dew – was immer es sein mag. Auf jeden Fall hat Stefanie Sargnagel nach dem dritten Glas

das Gefühl, dass die Nieren karamellisieren. Sie fühlen sich glasiert an, wahrscheinlich kann man die äußerste Schicht mit einem Löffel aufknacken wie Crème Brûlée.

Kulturelle Missverständnisse gibt es auch mit bzw. trotz queerfeministischem Bewusstsein. So muss die Autorin lernen, dass die butchig aussehenden Frauen mit Bürstenhaarschnitt und Herrenhemd in der Univerwaltung in aller Regel mit Männern verheiratet sind und mehrere Kinder haben.

Etwas unterbelichtet bleibt das Verhältnis der Studierenden an diesem Elitecollege zu den schon immer dort Wohnenden. Linksliberale antirassistische Veganer*innen aus meist reichem Elternhaus, bestens gebildet und allzeit bewusst treffen auf tendenziell prekäre, ungebildete, jede Menge Fleisch essende und Trump wählende Hillbillies. Das muss doch zu einer Reihe von Missverständnissen führen, denkt mensch automatisch. Aber es scheint relativ unfallfrei abzugehen, auch in der Absturzkneipe greifen die resolute Wirtin und ihre Stammgäste schnell ein, bevor aus sexistischem Glotzen mehr wird. Sargnagels Klassenstandpunkt schimmert häufig durch bei solchen positiven Beschreibungen der Underdogs. Die Studierenden kriegen dagegen hie und da ihr Fett weg:

wenn ich 70.000 $ pro Semester bezahle, möchte ich halt auch, dass auf meine Gefühle Rücksicht genommen wird.

Ein schönes, lesenswertes Buch, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die creative-writing-Dozentin wirklich schreiben kann… Auch als Geschenk prima und jederzeit geeignet.

Links-Lesen.de-Kollektiv im Februar 2024


Stefanie Sargnagel: Iowa. Ein Ausflug nach Amerika“ // Dezember 2023 // Rowohlt // 302 Seitem Hardcover // 22,- €