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Das Haus der unfassbar Schönen

Der Roman „Das Haus der unfassbar Schönen“ von Joseph Cassara entführt in die schillernde und glitzernde queere Ballroom-Szene im New York der 80er Jahre; eine ganz eigene Welt, in der hinter allem Glitzer und Glamour auch Armut, Gewalt, Brutalität, Ausgrenzung und Aids den Alltag bestimmen. Als Leser*in taucht mensch ein in die Lebensrealitäten von afroamerikanischen oder Latino Queers, die sich aus ihren zum Teil armen oder auch gewalttätigen Herkunftsfamilien herauslösen, ihre (nicht nur) sexuelle Identität entdecken, erleben, ausprobieren, daran verzweifeln, aber darin auch neue Freundschaften, Wahlverwandschaften, Liebe finden.

Vorweg: das Buch ist nicht immer leicht zu lesen, es enthält brutale und gewalttätige Szenen, die teilweise detailliert geschildert werden und nahe gehen. Beeindruckenderweise beherrscht der Autor es ebenso, Szenen von großer Zärtlichkeit, Nähe, Verletzlichkeit und Rausch sehr gefühlvoll zu beschreiben.

Glanz und Elend liegen im Roman immer ganz eng nebeneinander:

Daraufhin drehte die Frau Venus den Rücken zu und kotzte sich voll. Aber das spielte keine Rolle, denn Venus fühlte sich gut, fühlte sich locker, fühlte all ihre Gefühle. Ein bisschen Kotze hier und da würde sie nicht daran hindern, ihr High zu genießen

– es könnte auch heißen, ‚ihre High Heels‘ zu genießen, denn es wird viel gestöckelt im „Haus der unfassbar Schönen“!

Joseph Cassara hat ein Buch geschrieben, das sich zwischen Realität und Fiktion bewegt. Der ursprünglich geplante Titel „House of Xtravaganza“ bezog sich auf eine reale, 1982 gegründete Gruppierung in New York. Mit der Idee der „Häuser“ wollte die LGBTIQ-Ballroom-Szene versuchen, eine Art Ersatzfamilienstruktur, also soziales Umfeld aber auch tatsächlich Wohnraum für ihre community zu schaffen. Die underground-Kultur des ‚voguing‚, in der marginalisierten homosexuellen Subkultur von New York Harlem entstanden, wurde bei prächtigen Bällen und ähnlichen Wettbewerben vorgeführt und weiterentwickelt. Verschiedene der ‚Häuser‘ traten hier gegeneinander an und konkurrierten um Trophäen und Prestige. Cassara versteht es, diese Szenerie lebensnah und sehr lebendig darzustellen – und schreibt damit auch eine Subkulturgeschichte, die zumindest in Deutschland bisher nicht sehr bekannt ist (es sei denn, mensch hat den Independent-Dokumentarfilm „Paris Is Burning“ darüber gesehen). Schönheit, Mode, Schminke, Bewegung und Körperlichkeit werden zum Mittel der Selbstermächtigung. Dies liest sich zum einen als empowernde Strategie und als mutiger Akt gegenüber der rauen Gewalt. Dass Glitter, Glamour und Schönheitsideale Vehikel für Emanzipation und selbstbewusste Identitäten sind, gerät aber auch immer wieder in die bekannten Widersprüchlichkeiten zu z.B. feministischen Kritiken an Schönheitswettbewerben, lookism etc. Insofern trägt das Buch auch zu derlei Debatten subkulturelle und emanzipationsgeschichtliche Aspekte bei.

Der jetzige Buchtitel „Das Haus der unfassbar Schönen“ trägt dem Umstand Rechnung, dass neben historischen Fakten und Bezügen vor allem ein Roman vorliegt und wohl die ehemaligen „House of Xtravaganza“-Mitglieder ihren Namen nicht ‚hergeben‘ wollten. Dies tut dem Buch aber keinen Abbruch – eine Hommage auf einen queeren Lebensstil und -kultur ist es auf jeden Fall geworden.

Joseph Cassara zeichnet Lebensausschnitte mehrere Protagonist*innen zum Teil von der Jugend bis zu ihrem (oft frühen) Tod. Durch diese Szenen gibt der Roman beinahe nebenbei Einblick in die rassistisch und homophob strukturierte Klassengesellschaft New Yorks in den 80ern. Die Herkunftsfamilien der Protagonist*innen zeigen die Vielschichtigkeit des Umgangs mit Armut, Diskriminierung, Drogenhandel und Gewalt im familiären oder im Nahumfeld: die einen Eltern sind verzweifelt und depressiv oder alkoholabhängig, andere gewalttätig oder überbesorgt – die Homosexualität oder queerness ihrer Kinder überfordert fast alle. Der Aufbau der ‚Häuser‘ ist somit eine solidarische selbstorganisierte Antwort auf Rausschmiss oder Auszug aus familiären Strukturen gewesen. Armut und Diskriminierung ließen sich damit nicht aus dem Alltag verbannen, aber es gab Rückzugsorte und soziale Beziehungen, die ein selbstbestimmteres Leben ermöglichten. Gegen die Gewaltverhältnisse auf der Straße oder die Ansteckung mit dem Aids-Virus boten sie keinen hinreichenden Schutz…

Wir sagen: schön, dass es dieses Buch gibt, denn es holt wichtige verschüttete Geschichte hervor, ohne sie für den Roman zu glätten.

Links-Lesen.de-Kollektiv im April 2020

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