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Die Sprache der Befreiung



Frauenbewegung im postkolonialen Frankreich

Aline Oloffs hat in ihrem Buch Die Sprache der Befreiung die Frauenbewegung in Frankreich in den 1970/80er Jahren untersucht. Ihr Buch bietet einen spannenden und kritischen Einblick in deren Umgang mit Rassismus und gibt Anregungen für heutige feministische Debatten um Rassismus und Sexismus.

Oloff fragt danach, wie Rassismus innerhalb der Frauenbewegung in Frankreich zum Thema gemacht worden ist. Damit möchte sie einen Beitrag leisten zur Erklärung und Überwindung der feministischen Sprachlosigkeit angesichts vergangener und aktueller Indienstnahmen feministischer Anliegen für nationalistische, rassistische Argumentationen – gerade im Kontext eines gleichzeitigen Erstarkens antifeministischer und antiliberaler Kräfte.

Einer ihrer zentralen Befunde ist, dass die Sprache der Frauenbewegung durch eine „irritierende Gleichzeitigkeit“ (S.216) der sprachlichen Bezugnahme auf Kolonialismus und die Nicht-Thematisierung der kolonialen Geschichte Frankreichs geprägt ist. Diese Sprachlosigkeit in Bezug auf Frankreichs koloniale Vergangenheit sei es, die in einer Krise der weißen Frauenbewegung Mitte der 2000er Jahre erneut aufscheint. Gemeint sind die feministischen Auseinandersetzungen innerhalb des postkolonialen Frankreich zwischen jenen, die sexualisierte Gewalt und Unterdrückung dem „Fremden“ zuschreiben und jenen, die dieser Argumentation entgegentreten.

Zentraler Gegenstand von Oloffs Untersuchung ist der hegemoniale, frauenbewegte Diskurs in Bewegungszeitschriften und –dokumenten im Zeitraum von 1970 bis 2003. In ihrem Material macht Oloff eine besondere Konjunktur der Thematisierung von Rassismus in den 1970er und in den 1980er Jahren aus, auf die sich ihre Analyse anschließend konzentriert. Sie zeigt, wie Rassismus und Kolonialismus in der feministischen Findungsphase der 1970er Jahren als Analogien und Methapern Eingang in feministische Texte finden, während diese als historische Tatsache kaum erwähnt werden. Dieses „metaphorische Sprechen“ deutet sie als Teil einer kollektiven Vermeidung der Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte im postkolonialen Frankreich. Oloffs Analyse zeigt, dass im Verlauf der 1980er Jahre Rassismus angesichts des Erstarkens rechter Parteien und Diskurse zum Gegenstand feministischer Debatten wird. In diesen Debatten sieht sich die Frauenbewegung einerseits selbst mit Rassismusvorwürfen konfrontiert und muss anderseits auf die rassistische Vereinnahmung ihrer Forderungen reagieren.

Oloffs Einblick in die Geschichte der französischen Frauenbewegung zeigt auch, dass feministische Bewegungen im Kontext der politischen Konstellation ihrer Zeit und Umgebung agieren, mit dieser verwoben sind und auf diese einwirken (wollen). Zur Kontextualisierung ist der Textfluss immer wieder von grau hinterlegten Kästen unterbrochen, die hilfreiche Hintergrundinformationen liefern.

Es ist der Autorin darin zuzustimmen, dass die Frage nach der Art und Weise des Sprechens über Rassismus innerhalb der Frauenbewegung angesichts einer zunehmenden „diskursiven Nationalisierung feministischer Anliegen im Dienste eines nunmehr muslimischen Anderen“ (S. 15) überaus notwendig geworden ist. Nicht nur in Frankreich finden sich feministische Akteur*innen mitten in der Verhandlung nationaler Identität wider, die einen feministischen Antirassismus dringend notwendig macht. Auch im bundesdeutschen Kontext braucht es eine Antwort auf eine politische Konstellation, die Sexismus und Rassismus gegeneinander in Stellung bringt. Hierfür ist Oloffs Blick auf den bewegungsgeschichtlichen Umgang mit Rassismus und Kolonialismus hilfreich. Wie sie selbst schreibt, wäre dabei auch noch die Sichtbarmachung des feministischen Aktivismus von Migrant*innen wichtig, der in den hegemonialen Diskurs der Frauenbewegungen kaum Eingang gefunden hat. Dafür müssten andere Archive gehoben werden.

Links-Lesen-Kollektiv

Oloff, Aline: Die Sprache der Befreiung. Frauenbewegung im postkolonialen Frankreich

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