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Triggerwarnung

Mit „Trigger-Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen“ – hat unser Nachbar im Mehringhof, der Verbrecher-Verlag einen ersten Band der ‚Edition Bildungsstätte Anne Frank‘ vorgelegt, dessen Titel und Anspruch in eine wichtige Lücke stößt: das Buchprojekt will von links auf die Schattenseiten und Problematiken von Identitätspolitiken eingehen. Das ist grundsympathisch und sinnvoll in einer Zeit, in der viele aus Angst vor Beifall von der falschen Seite, also von rechts, lieber die Klappe halten, wenn linke Ansätze in Sackgassen geraten und Kritik angebracht wäre.

Darum zunächst: Danke für dieses Buch!

Betroffenen-Ping-Pong, Betroffenheitsdiskurse, Opferkonkurrenz, das Kreisen um sich selbst – einige Artikel beschreiben mit treffenden Begriffen, wie aus erkämpften emanzipatorischen Errungenschaften teilweise stark zugespitzte und verworrene Ansätze oder Ansprüche geworden sind. Selbst viele Aktivist*innen kommen bei aktuellen linken Sprachpolitiken kaum noch hinterher. Manche wenden sich entnervt ab, wenn mit eigener (oder bei anderen vermuteter) Betroffenheit Politik gemacht wird und ein weiterer Teil fängt an, sich besonders einfühlsam, gut und schlau zu fühlen beim Heben des Zeigefingers und in der Rolle der Verbündeten, auch ‚Allies‘ genannt. Die Rechte lacht sich ins Fäustchen und bläst noch lauter ins Horn gegen alles, was sie für ‚political correct‘, ‚Sprechverbot‘ und damit (hierzulande) für undeutsch hält. Teilweise ist es fast zum Schmunzeln, wer inzwischen alles über Gendersternchen oder AllGender-Toiletten redet. Für konkret von Diskriminierung Betroffene ist die Situation jedoch keinesfalls entspannter oder übersichtlicher geworden.

Im Buch wird aus emanzipatorischer Sicht versucht, Errungenschaften und Inhalte wie Gerechtigkeit, Diversität und Sensibilität für Unterdrückungsmechanismen zu begründen und sich die Debatte nicht von rechts vorschreiben zu lassen. Ausgehend von diesem Anspruch wollen die Herausgeber*innen sich ehrlich-kritisch in die Auseinandersetzung mit bestimmten Ausprägungen von Identitätspolitik begeben, die am Ende zu Lähmungen, neuen Formen der Abwertung oder einfach zu zu viel „Mimimi“ führen (können).

Die Herausgeber*innen und einige Autor*innen kommen aus der (Jugend-)Bildungsarbeit in der Anne-Frank-Bildungsstätte Frankfurt/Main. Eigene Identitäten, der Blick auf andere, Diskriminierungserfahrungen und Selbstwahrnehmung spielen in dieser Arbeit seit jeher eine wichtige Rolle und prägten sicher die Erfahrungen der Schreibenden. Aber auch der bewegungspolitische Hintergrund scheint auf: Kämpfe um Sichtbarkeit und Repräsentation von z.B. Frauenbewegung, black empowerment, Schwulen-, oder Migrationsbewegungen waren und sind Motor für emanzipatorische Entwicklungen und Debatten in linken Bewegungen, über die die Autor*innen hier schreiben.

Etwas schade ist hier, dass nicht versucht wurde (oder es erfolglos blieb??), explizitere Positionen aus der bewegungspolitischen Linken ins Buch aufzunehmen, also z.B. von antirassistischen oder awareness-Gruppen, anstatt nur von Einzelpersonen, von denen sich die meisten vor allem im wissenschaftlichen oder journalistischen Milieu bewegen. Es ist sicherlich einfacher, als Autor*innen Menschen zu gewinnen, die sich auch sonst gern als ‚Speaker*innen‘ präsentieren. Aus bewegungspolitischer Sicht ist dieses Speaker*innen-Phänomen allerdings oft etwas irritierend, weil auf Diskussionsveranstaltungen und Panels häufig nur noch sehr individuelle Positionen vertreten werden, die zum Beispiel ‚den‘ Feminismus oder ‚die‘ migrantische Perspektive abbilden sollen…

Zurück zum Buch. „Triggerwarnung“ wurde in drei große Blöcke gegliedert – es ist jedoch ein Stück weit ein Sammelsurium geworden, in dem sich nicht jeder Beitrag zur Fragestellung ganz erschließt (z.B. der sicherlich ganz interessante, aber zum Thema wenig beitragende Aufsatz von Andreas Rüttenauer: („Typisch rechts war typisch links. Wie sich die Rechte aus dem Fundus klassischer Aktionsformen bedient“). Gut gefallen hat uns die psychologisch-historische Fundierung der Begriffe Trauma und Trigger von Markus Brunner („Trigger-Warnungen“) und die Auseinandersetzung mit critical-whiteness-Ansätzen („Triggerwarnung!* Critical whiteness und das Ende der antirassistischen Bewegung“) von Massimo Perinelli. Hierin fanden sich neben analytischen und beschreibenden Teilen vor allem klare Positionierungen und auch Aufrufe an die Bewegung, z.B. je nach Situation bestimmte Forderungen zur Schutzbedürftigkeit oder Verweise auf mögliche Verletzbarkeiten zurück zu weisen, ohne dabei in eine Ignoranz-Falle zu tappen.

Auch die aus der feministischen Mädchenarbeit kommende Charlotte Busch plädiert für eine

nötige Erkenntnis, dass sich politische Kämpfe in der Regel nicht im Safe Space ausfechten lassen, sondern in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Unerträglichen, [und dies] erfordert deshalb den Mut, in die Konfrontation zu gehen

– aber gleichzeitig gelte es, sich vulnerabel zeigen zu können. Auf die falsche Gegenüberstellung von Betroffenheitskämpfen versus ‚echten‘ Kämpfen müsse von links entgegnet werden, mit Reflexion und Sensibilität. Das ist gut und mutig formuliert.

Ein solch genaues Ausloten, also klare Positionierungen zu treffen, ohne im rechten Lager zu landen, ein nötiges „sowohl-als-auch“, mehr Fehlerfreundlichkeit und die Grundidee, Widersprüche nicht einseitig aufzulösen, sondern auch mal auszuhalten wird als Anspruch in Einleitung und Schlussrede am deutlichsten formuliert. In diesen Texten lagen für uns auch die Stärken des Buches: der Wunsch nach kritischer emanzipatorischer Auseinandersetzung. In einigen Beiträgen ging es aus unserer Sicht leider etwas zu sehr um Selbstbespiegelung. Spannend kontrovers hätte es werden können, wenn gerade Autor*innen wie Hengameh Yaghoobifarah oder Ayesha Khan mehr als Vertreter*innen einer Pro-Identitätspolitik in die Debatte eingetreten wären; hier blieben die Beiträge leider etwas oberflächlich. Auch die Debatte um Antisemitismus wurde unserer Meinung nach nicht wirklich im Hinblick auf die Fragestellung geführt, schade.

Insofern hätte es dem Buch sicherlich gut getan, die z.B. in den „Streitbar“-Veranstaltungen in der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt/Main gepflegte kontroverse Streitkultur etwas mehr in Textform zu bringen – vielleicht können wir dies ja im geplanten zweiten Band erwarten – wir warten auf jeden Fall gespannt und haben diesen Band 1 „Triggerwarnung“ als wirklich sinnvollen ersten Schritt gerne zur Hand genommen.

Links-Lesen.de-Kollektiv im September 2019

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