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Ein Mann seiner Klasse

Cover: Ein Mann seiner Klasse

Christian Baron:Ein Mann seiner Klasse

Der frühere ND-Journalist und jetzige Freitag-Redakteur Christian Baron hat im claassen-Verlag/ Ullstein ein autobiografisches Werk über seine Kindheit und Jugend – nein, über seine Herkunft – veröffentlicht.

Er kommt von ganz unten aus äußerst prekären Verhältnissen, und der Schwerpunkt seines Buches liegt auf dem – vorsichtig ausgedrückt – schwierigen und ambivalenten Verhältnis zu seinem alkoholkranken und gewalttätigen Vater. Zu Herkunft und Klassenaufstieg gibt es seit einiger Zeit ähnlich klingende Veröffentlichungen hoher Qualität aus Frankreich (u.a. Annie Ernaux, Didier Eribon, Édouard Louis). Da Christian Baron bereits ein schönes Buch auch aus sehr persönlicher Sicht zu der Frage geschrieben hat, warum sich die Linke mit den Prekären so schwer tut (Proleten, Pöbel, Parasiten), bot sich uns „Ein Mann seiner Klasse“ geradezu für eine Rezension an.

Die „Klasse“ der oben genannten französischen Werke erreicht Baron nicht. Dies liegt an der mangelnden soziologisch-analytischen Perspektive, was ausdrücklich weder als Vorwurf noch als Kritik gemeint ist – sein Buch ist schlichtweg anders konzipiert. Es ist ein sehr persönliches, ehrliches und offenes Buch, das zu schreiben sicherlich einigen Mut erfordert hat. Denn die Scham, die der Klassenaufsteiger mindestens hie und da empfindet, wird offen ausgesprochen. Aber diese Scham wird hervorragend gespiegelt mit der Arroganz, Hochnäsigkeit und Distinktion derjenigen, die das große Privileg hatten, aus akademischen Elternhäusern zu stammen. Eine solche Beschreibung gelingt Baron hervorragend angesichts der Einrichtung seiner Wohnung, in der ein großes TV steht, was regelmäßig bei Besuchen seiner akademischen Freund*innen mindestens der zweiten Generation zu entsprechenden Reaktionen führt, denn ein großes TV-Gerät ist in dieser Welt den Prolls vorbehalten. Moderne Akademiker*innen

pfeifen aufs lineare Fernsehen, denn sie bingewatchen ihre Serien auf dem Laptop oder über einen Beamer“

Aber das ist nur eine Randnotiz in diesem sehr lesenswerten Buch.

Christian Baron, geboren 1985, ist mit seinen drei Geschwistern in Kaiserslautern-Ost aufgewachsen. Beide Elternteile kommen ihrerseits aus prekären Elternhäusern, seiner Mutter wurde der Versuch des sozialen Aufstieges u.a. von einem gut beschriebenen Lehrer durch unglaubliche Arroganz und offen nach außen getragener Verachtung verwehrt. Motivation geht jedenfalls anders. Der Vater – selbst als Kind heftiger Gewalt durch seinen eigenen Vater ausgesetzt – wendet diese vermeintliche Problemlösung selbst immer und immer wieder gegen die eigene Familie an. Die Mutter stirbt mit 32 an Krebs, der Vater mit 43 an multiplem Organversagen. Willkommen im Land der Chancengleichheit…

Barons Werk kreist immer wieder um das Verhältnis zu seinem Vater. Er besucht ihn nicht mehr im Krankenhaus, als der Alte bereist im Sterben liegt – auch davor hat er ihn jahrelang nicht gesehen. Er ringt heute mit sich um, ob und wie er dem Alten verzeihen kann und soll. Gut ist beschrieben, wie dies seinem Bruder Benny gelingt und wie Christian Barons eigene Überlegungen hierzu aussehen. Auch wenn es am Schluss droht, etwas Hedwig-Courts-Mahler-mäßig zu werden.

Beide Elternteile werden i.ü. niemals mit Vornamen genannt, im Gegensatz zu vielen nahen Verwandten, die äußerst häufig namentlich erwähnt werden. Dies ist beim gewalttätigen Vater nachvollziehbar, bei der Mutter, zu der Baron ein ausgesprochen liebevolles und inniges Verhältnis hatte, erschließt sich dieses literarische Stilmittel nicht. Das Verhältnis zum Vater bleibt – wie häufig in solchen Fällen – widersprüchlich, es ist längst nicht nur durch Ablehnung und Angst gekennzeichnet. Baron erinnert auch eindrucksvoll die wenigen Momente, wo so etwas wie Liebe und Geborgenheit durch den Vater vorkommt. Präzise und beeindruckend beschrieben wird auch der sub-proletarische Stolz des Vaters, auf keinen Fall staatliche Unterstützungsleistungen in Kauf zu nehmen. Dieser ist Möbelpacker, fehlt so gut wie nie im Betrieb, ist nie krank und macht auch nicht blau. Selbst nach einer kurzen fristlosen Entlassung wird nicht zum Amt gegangen, und die vermeintliche „Schande“ der Arbeitslosigkeit wird auch gegenüber nahen Verwandten verschwiegen. Im vermeintlichen Gegensatz dazu lässt der Alte in anderen Bereichen öfter mal fünfe gerade sein. Das Umzugsgut der GI’s von Kaiserslautern in die USA wird regelmäßig auf Wertsachen gefleddert und einiges davon landet im heimischen Haushalt. Dort gibt es aber nichts von dem, was wohl für die allermeisten, die diesen Text lesen, im heimischen Haushalt selbstverständlich war: Ausflüge, Kinogänge, Urlaube uvm. Der Lohn wird regelmäßig versoffen, verspielt, ver-was-weiß-man-was. Selbst das ausreichende Ernähren der Kinder gerät mehr und mehr zum Balanceakt.

Zur Überraschung aller bekommt der Autor gute Noten in der Schule und sogar eine Gymnasialempfehlung. Brillant beschrieben, wie dies der nach dem Tod der Mutter kurzzeitig bestehende Vormund vom Jugendamt für überflüssig hält, denn:

es kann und soll ja nicht jeder Abitur machen

Und schon gar nicht solche asozialen Proletenkids, lautete hier wohl der Subtext.

Baron schildert auch gut, welche Schwierigkeiten und Probleme sein Wunsch zum sozialen Aufstieg der eigenen Familie bereitet haben. Nach dem Tod der Mutter ziehen alle vier Kinder zur toughen Tante Juli, die nicht nur das Herz auf dem linken Fleck hat. Aber natürlich entstehen Konflikte auch zwischen Geschwistern und zur äußerst emphatisch beschriebenen Tante, und Vorwürfe:

du hältst dich wohl für was besseres?

sind schnell im hektischen Alltag ausgesprochen.

Didier Eribon soll zu seiner „Rückkehr nach Reims“ Antworten von Verlagen bekommen haben, wonach es solche von ihm beschriebenen Zustände heutzutage in Frankreich nicht mehr gäbe. Wäre interessant, ob es Baron ähnlich gegangen ist. Neben der beeindruckenden Schilderung der prekären Lebensverhältnisse darf allerdings niemals vergessen werden, dass männliche Gewalt im Haushalt gegen Frauen und Kinder keine Klassenfrage ist. Geprügelt wird in jeder Schicht und in jedem Milieu. Aber auch das ist keine naseweise Kritik am Autor, denn das wird er wissen – und er hat über seine eigenen persönlichen Erfahrungen ein ziemlich gutes Buch geschrieben.

Christian Baron:Ein Mann seiner Klasse“ Juni 2020, Claassen-Verlag, 288 Seiten gebunden, 20 Euro

Links-Lesen.de-Kollektiv im Oktober 2020

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