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Durruti

Cover-Foto "Durruti"

Francisco Álvarez: „Durruti. Die neue Welt in unseren Herzen

 

 

Buenaventura Durruti – über die legendäre Person und großen Kämpfer aus dem spanischen Bürgerkrieg sind bereits eine Reihe von Büchern, Biografien, Filme etc. veröffentlicht worden. Der Journalist Francisco Álvarez hat jetzt den Versuch unternommen, sich dem Leben des anarchistischen Revolutionärs über einen Roman anzunähern.

Als Grundlage dient Álvarez die Biografie von Abel Paz über Durruti, welche im Jahr 1994 erschien und eine Art Standardwerk darstellt. Ein im übrigen sehr lesenswertes Standardwerk… Der Roman genießt gegenüber der Biografie den Vorzug, dass nicht alle geschilderten Begebenheiten stimmen müssen, dass der Autor in einem gewissen Sinn „frei“ ist, was er schildert, was er weglässt und was er möglicherweise dazu erfindet. Es ist somit ein recht bequemes Format und kann unschöne Tätigkeiten wie Recherche etc. mindestens minimieren, zumal wenn es – wie hier eben – ein literarisches Vorbild gibt. Es erlaubt darüber hinaus das Schildern bestimmter Treffen und Begegnungen in wörtlicher Rede, was ein Mehr an Authentizität suggeriert, aber natürlich auch den Lesefluss erhöht. So ist es bspw. reizvoll, einem Treffen zwischen Durruti, seinem engsten Genossen Francisco Ascaso und dem ukrainischen Anarchisten Nestor Machno in Paris beizuwohnen und ihren Diskussionen über die Rolle der Sowjetunion zu lauschen. Durruti und Ascaso haben ein Angebot, in der UdSSR ins Exil zu gehen. Sie brauchen ein Aufnahmeland, um nicht nach Spanien ausgeliefert zu werden wo sie für ihre dort begangenen bewaffneten Aktionen in den Knast müssten. Machno rät ihnen nach seinen Erfahrungen dringend ab, das Angebot anzunehmen.

Es gelingt Álvarez, das Leben und Wirken des Genossen Durruti gut und nachvollziehbar darzustellen. Hierbei werden auch einige negative Seiten nicht verschwiegen, wie sein – sagen wir – bescheidenes Interesse und Geschick an und mit finanziellen Dingen, auch als er bereits Familienvater ist:

Ascaso zu Durruti, als er wieder einmal den gemeinsamen Kaffee bezahlen muss, weil Durruti wieder blank ist, „deine Zahlungsmoral kenn ich schon, in drei Raten: spät, schlecht und nie“.

Es werden auch kleine interessante Details erwähnt, so etwa, als die oben erwähnte Asylgeschichte die französische Regierung dazu bringt, die beiden Anarchisten illegal über die Grenze nach Belgien zu schleusen und später die belgische Regierung den Aufenthalt der beiden im Land nur unter der Bedingung zustimmt, dass beide eine falsche Identität annehmen. Andere Bonmots, wie die Rückführung des französischen ‚Baguette‚ auf einen erfolgreichen Arbeitskampf, welcher den Bäckern verbot, vor 4.00h in der Früh zu arbeiten, worauf sie dünnere Brote (Baguettes=Stäbchen) erfanden, welche eine kürzere Backzeit benötigten, um die Nachfrage am frühen Morgen dennoch befriedigen zu können, sind historisch zumindest nicht ganz eindeutig nachzuweisen.

Ab Juli 1936 beginnt die Revolution gegen den Putschversuch von Franco und ist zunächst – speziell in Katalonien – auch erfolgreich. Fabriken und Land werden kollektiviert, der Klerus, die Großgrundbesitzer und die herrschende Klasse entmachtet. Durruti wird jederzeit abwählbarer Führer der legendären Kolonne Durruti, welche nach der erfolgreichen Revolution in Barcelona an die Front nach Zaragoza in Aragonien zieht und sich später als unabdingbar für die erfolgreiche Verteidigung Madrids gegen die faschistischen Truppen erweist. Auch hier wird der kämpferische und solidarische Charakter von Durruti gut porträtiert, der aber – wenn es erforderlich ist – auch klare und harte Entscheidungen treffen kann und muss.

Mit dem frühen und nicht völlig aufgeklärten Tod von Durruti im November 1936 an der Front in Madrid endet das oben erwähnte Buch von Abel Paz. Die Romanhandlung in „Durruti – Die neue Welt in unseren Herzen“ streift noch kurz einen Ausschnitt der erschütternden Schicksale anlässlich Francos Sieg: Die Flucht von zehntausenden Republikaner*innen im Februar 1939 über die Grenze am Mittelmeer nach Frankreich, verfolgt von den Faschisten, um dann nach erfolgreicher Flucht in Frankreich in Lagern interniert zu werden. Ortsnamen wie Portbou, Saint-Cyprien und Argeles-sur-Mer, die einigen heute aus ihren Urlauben bekannt sein dürften, werden historisch eingeordnet. Auch heute ist hoffentlich noch die sehenswerte, an der spanisch/französischen Grenze oberhalb von Portbou befindliche kleine Dauerausstellung über die letzten Kämpfe und die Flucht als Ehrung der antifaschistischen Kämpfer*innen installiert:

Dauerausstellung span.-franz. Grenze / Foto: links-lesen.de
Gedenktafel des ‚Memorial democratic‘ / Foto: links-lesen.de
Gedenkstein an der span.-franz- Grenze / Foto: links-lesen.de

Interessanter Nebenaspekt ist, dass ab 1940 antifaschistische Flüchtlinge fast genau über diese Route in die andere Richtung von Frankreich nach Spanien geschleust wurden. Lest hierzu Lisa Fittko: Meine Flucht über die Pyrenäen, dtv-Verlag.

Insgesamt bleibt das Buch leider etwas blass. Ohne Vorkenntnisse über die spanische Revolution ist es nur bedingt zu empfehlen, da es eher das viel zu kurze Leben Durrutis behandelt. Dennoch hätten mehr historische Details über diesen wichtigen Abschnitt linker Kämpfe vermittelt werden können. Auch die Sprache zieht einen nicht wirklich in einen Bann – dennoch kann dieses Werk aus dem bahoe books Verlag empfohlen werden. Und sei es nur, weil das oben erwähnte Buch von Abel Paz zur Zeit nur antiquarisch erworben werden kann. Aber wer/welche an einer ausführlichen Darstellung sowohl der Person Durrutis als auch der spanischen Revolution aus anarchistischer Sicht interessiert ist, sollte versuchen, sich dieses 736 Seiten starke Teil zu organisieren. Oder liebe linke Verlage, wie wäre es denn mit einer Neuausgabe? Als Ergänzung oder auch als Einstieg ins Thema ist das Buch von Francisco Álvarez geeignet und könnte ein feines Geschenk sein.

Francisco Álvarez:Durruti. Die neue Welt in unseren Herzen“ Juni 2020, Bahoe-Verlag, 300 Seiten, 19 Euro

Links-Lesen.de-Kollektiv im Oktober 2020

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