Der nach Eigenschätzung „führende Fußballbuchverlag“ Die Werkstatt aus Göttingen hat mit „71/72 – Saison der Träumer“ ein beeindruckendes Portrait einer einzigartigen Fußballsaison und des politisch-gesellschaftlichen Sittenbildes der BRD veröffentlicht. In dem gut 300 Seiten umfassenden Buch werden neben den fußballerischen Ereignissen in dieser Zeit die linke Polit-Rockband Ton-Steine-Scherben kontinuierlich begleitet und die damaligen politischen Prozesse dargestellt und kommentiert. Das Werk von Bernd-M. Beyer ist somit nicht nur für Fußballinteressierte gedacht, auch wenn es den Zugang sicherlich erleichtert. Aber auf dem schön gestalteten und stabilen Cover ist neben einem Fußball nicht umsonst eine E-Gitarre mit einem roten Stern platziert.

1971/72 war in Westdeutschland und Westberlin eine bewegte Zeit. Die 68er Revolte war zwar schon Geschichte, aber deren Auswirkungen beeinflusste eine Vielzahl von Vorgängen. Ob es um die Haarlänge der Nationalspieler geht, um die Offensive der RAF und die Zerschlagung der ersten Generation derselben, die Ostpolitik der SPD/FDP-Regierung – in diesem Buch wird Historie von links anschaulich dargestellt und erzählt.

Sportlich ereilt die damals noch relativ junge Fußball-Bundesliga ein Super-GAU: der sog. Bestechungsskandal. Der Ausgang einer Reihe von Spielen wurde nachweislich manipuliert, einige Vereine wollten sich mit solcherlei Methoden vor dem Abstieg bewahren. Die damaligen Akteure Schalke 04, Hertha BSC und Arminia Bielefeld spielen heute noch in der ersten Liga, wenn eventuell auch nicht mehr lange. Andere wie Rot-Weiß Oberhausen und die Offenbacher Kickers spielen heute nur noch unter ferner liefen. Ob wirklich alle Schiebereien aufgedeckt wurden, wer weiß. Dieser Skandal führte damals zu einem nachhaltigen Schwund beim Publikum, der Zuschauer*innenschnitt sank jedenfalls erheblich.

Auch die meisten Scherben-Musiker – Rio nicht – waren fußballinteressiert und verfolgten durchaus die Liga und die Länderspiele: Kai Sichtermann und RPS Lanrue drückten dem FC Schalke 04 die Daumen. Selbst kickten sie schräg gegenüber ihrem damaligen Domizil am Tempelhofer Ufer in Kreuzberg im Mendelssohn-Bartholdy-Park. Das Buch weiß viele Anekdoten und politische Ereignisse unaufgeregt, aber prima zu erzählen. Eine besagt, dass der sich damals als Maoist bezeichnende Nationalspieler Paul Breitner anlässlich eines Auswärtsspiels seines Clubs in Berlin bei den Scherben klingelte. Diese hätten ihm doch diese Schallplatte geschickt, da wollte er mal vorbeikommen und ne Runde quatschen. Apropos Fußball und Politik: Bill Shankly, legendärer Trainer vom FC Liverpool, wird mit folgendem Bonmot zitiert:

„Im Sozialismus, an den ich glaube, arbeitet jeder für den anderen, und alle bekommen einen Teil des Gewinns. So sehe ich Fußball, so sehe ich das Leben“

Shankly ist auch bekannt für den Ausspruch:

„Es ist beim FC Liverpool kein Zufall, dass unsere Trikots rot sind.“

Auch scheinen Anfang der 1970er Jahre noch überzeugte Sozialdemokrat*innen bei der SPD aktiv und in Funktion gewesen zu sein – anders als heute. Oder wie lässt sich die Aussage („Die Gesundheit der Polizisten ist zu schade, um aufs Spiel gesetzt zu werden, wenn Hauseigentümer ihre sozialen Verpflichtungen aus ihrem Eigentum entscheidend vernachlässigen“) des damaligen Oberbürgermeisters von Frankfurt/Main anlässlich der Weigerung ein besetztes Haus räumen zu lassen anders interpretieren?

Das Sittengemälde der BRD wird gut und konkret beschrieben. Die festen politischen Blöcke – tiefe Gräben zwischen links und rechts. Politische Kooperationen zwischen CDU und NPD anlässlich der Landtagswahl in Baden-Württemberg 1972 finden ebenso Erwähnung wie die Hetze der Springer-Blätter gegen die schon erwähnte Ostpolitik. Diese politische Auseinandersetzung hat eine Schärfe und Dynamik, die heute ihresgleichen sucht. Was heute die AfD polemisiert, hatte damals eine wesentlich breitere Basis und war authentischer und offizieller Teil der CDU/CSU Politik. BILD und andere Springer-Zeitungen bezeichnen Kanzler Willy Brandt als „Verräter“, man sei „nicht bereit, auf Schlesien, Pommern, Ostpreußen, auf gar nichts zu verzichten“. Von Regierungsseite wird angemessen zurückgekeilt, der Regierungssprecher bezeichnet Springer-Medien als „Kampfpresse, welche Nachrichten verfälscht und blanken Hass gegen den Kanzler“ verbreitet. Günter Grass bezeichnet die Methoden der BILD-Zeitung als „Goebbels-Stil“.

Bis 1970 stellte die Wetterkarte der ARD-Tagesschau Deutschland in den Grenzen von 1937 dar, in den Schulatlanten werden die oben erwähnten Landstriche als „derzeit unter polnischer Verwaltung“ bezeichnet.

Der Autor driftet evtl. hie und da in nicht angemessene Lobhudelei der damaligen SPD ab, zumindest hätten auch die repressiven Teile der SPD-Politik durchaus (mehr) Erwähnung finden dürfen, wie Berufsverbote, Aufrüstung von Polizei, Bundesgrenzschutz und Bundeswehr, Ausbau des Atomprogramms und vieles mehr. Aber es ist eben auch ein interessantes Detail, wenn Willy Brandt anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises die ehemalige Resistance in allen Ländern grüßt. Apropos Nobelpreisträger: Ein anderer – nämlich Heinrich Böll – kann im SPIEGEL über die oben schon erwähnte BILD und deren „Berichterstattung“ zur RAF folgendes schreiben:

„Das ist nicht mehr kryptofaschistisch, nicht mehr faschistoid, das ist nackter Faschismus. Verhetzung, Lüge, Dreck. Die Überschrift… [eines BILD-Artikels]… ist eine Aufforderung zur Lynchjustiz“

Ach ja Fußball: allgemein wird gesagt, dass das Nationalteam weder davor noch danach so schönen und begeisternden Fußball wie in dieser Zeit gespielt hätte. Nicht wenigen scheint aber eine andere Form der Ästhetik schwer an der schwarz-braunen Haselnuss bzw. am Herzen gelegen zu haben. Da das damalige Team ein rein Weißes war, musste und wusste sich der Reaktionär an anderen Merkmalen der Spieler abzuarbeiten. Der damalige Trainer Helmut Schön sammelte eine Reihe von Briefen an ihn, die sich mit den Frisuren und speziell der Haarlänge der Spieler beschäftigten:

Schicken Sie Ihre zugewachsenen Affen zunächst zum Friseur und dann in die Badewanne“

oder

Seit Fußballer in Untermenschen-Aufmachung auf dem Spielfeld erscheinen, schaut sich unsere Familie kein Spiel mehr an.“

Ein schönes interessantes und auch aus linker Perspektive gutes historisches Buch zur Geschichte und der Heftigkeit der politischen Auseinandersetzung Anfang der 1970er Jahre – und einer interessanten Fußball-Saison 1971/72.

Bernd-M. Beyer:71/72. Die Saison der Träumer„, Februar 2021, Werkstatt-Verlag, 352 Seiten gebunden, 22 Euro

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