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Lost in Fuseta

Drei Bände liegen mittlerweile von der neuen Krimireihe „Lost in Fuseta“ von Gil Ribeiro beim Kiwi-Verlag vor, und sie sind umwerfend gut. Voll mit empathischen Beschreibungen der Protagonist*innen, spannenden Storys mit linken Inhalten, aber auch mit Erzählungen über gutes Essen und prickelnden Vinho Verde. Die Krimis spielen nämlich im portugiesischem Fuseta, welches im ruhigen Teil der Algarve liegt, wo der Rio Formosa mit seinen vorgelagerten Inseln dafür sorgt, dass die Tourist*innen noch rar gesät sind, weil am Festland kein Strandfeeling aufkommt.

Leander Lost ist ein autistischer deutscher Kommissar mit Asperger Syndrom, welcher über ein EU-Austauschprogramm für ein Jahr von Hamburg an die Algarve kommt. Er kann aufgrund seiner Besonderheit nicht lügen, ist weder in der Lage Ironie oder Lügen zu erkennen und hat ein fotografisches Gedächtnis. Smalltalk zählt ebenfalls nicht zu seinen Stärken, sondern eher das Bedürfnis, immer die Wahrheit zu sagen, was nicht nur für seine neuen Kolleg*innen, sondern für sein gesamtes Umfeld schwierige Momente bedeutet.

Im ersten Band „Lost in Fuseta. Ein Portugal-Krimi“ geht es um kriminelle Machenschaften im Wasserbusiness und die eklatante preisliche Differenz zwischen Leitungswasser aus dem Hahn und der abgefüllten Flasche im Supermarkt, welche den Hintergrund für Mord und mehr darstellt.

Im Folgeband „Spur der Schatten“ bildet Portugals koloniale Vergangenheit in Angola den Hintergrund für einen aktuellen Kriminalfall. Beide Plots sind gut und überzeugend gestrickt und auf der emanzipatorischen Basis der erwähnten politischen Felder werden Kriminalfälle ausgebreitet, welche von Leander Lost und seinen sympathischen Kolleg*innen Graciana Rosado und Carlos Esteves gelöst werden. Die Bewohner*innen von Fuseta sind dem Autor offensichtlich sehr ans Herz gewachsen und man verspürt sofort den Wunsch, dort (wieder) einmal hinzufahren. Immer wieder werden kleine portugiesische Eigenarten erklärt oder die historischen Hintergründe der auch hier immer beliebter werdenden Pasteis de Nata erläutert – oder warum der portugiesische Espresso bica heißt. Aber diese Krimis sind auch für Nicht-Portugal-Fans äußerst lesenswert, denn Vorkenntnisse über Portugal sind nicht erforderlich und der eigentliche Fall steht immer im Vordergrund.

Der dritte Band „Weiße Fracht“ ist im April 2019 erschienen und behandelt das (nicht zwingend linke) Thema Kokain. Aber auch hier werden kleine aber wichtige Informationen über den portugiesischen Umgang mit Drogen eingebaut. So etwa, dass User*innen de facto entkriminalisiert sind, und dass dadurch die portugiesische Polizei mit einem Bruchteil des personellen Aufwandes in der Lage ist, mehr Drogen sicher zu stellen, als ihre deutschen Kolleg*innen.
Auch dieser Plot überzeugt durch eine schlüssige Geschichte, gute Kombinationen und nachvollziehbare Ermittlungen, deren Ergebnisse nicht vom Himmel fallen, wie mindestens zum Teil in den Stieg Larsson Krimis. Ein schönes Schmankerl besteht darin, dass Leander Lost mit einem Teil seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Zwei seiner alten Kollegen aus Hamburg fliegen aufgrund bestimmter personeller Verquickungen an die Algarve und werden mitsamt ihrem Alltagsrassismus und -sexismus gut beschrieben und als Volldeppen entlarvt.
Wenn oben steht, dass Leander Lost nicht in der Lage ist, Lügen zu erkennen, so stimmt das nur bedingt, wie der dritte Teil erklärt. Der Autor, ein Deutscher mit portugiesischem Pseudonym – evtl. frei angelehnt an die Bretagne-Krimis von Jean Luc Bannalec – schafft es immer wieder, die häufig herumstehenden Fettnäpfchen zum Thema Autismus souverän zu umschiffen und seinen Hauptprotagonisten nicht zu diskriminieren. Er schont ihn aber auch nicht und stellt ihn nicht als Opfer dar, sondern in erster Linie als Mensch.

Auch unter feministischer Perspektive überzeugt die Reihe. Graciana Rosado führt ihr kleines Team souverän, die KTU (kriminaltechnische Untersuchung) wird genau wie die Gerichtsmedizin von einer Frau ausgeübt. Stark auch, wie Rosado ihre Beziehung unerwartet beendet.

Aus linker Sicht misslich ist sicherlich der Umstand, dass das Polizeiteam aus Fuseta vor diversen Gesetzesbrüchen nicht zurückschreckt, diese aber immer für das Gute durchführt, so dass mensch im ersten Moment denken könnte, richtig so. Es wird somit vom Autor versucht, eine Sympathie für solche Rechtsbrüche herbeizuschreiben, unschön!
Auch wenn einige Personen, wie der Polizist Miguel Duarte, gebürtiger Spanier, der sich den Portugies*innen überlegen fühlt, nicht sehr ambivalent dargestellt werden, lohnt sich das Lesen dieser Reihe. Mensch sollte mit dem ersten Band beginnen, da einiges dort eingeführt wird und die weiteren Bände zum Teil darauf aufbauen. In allen Bänden geht es auch immer um gutes Essen und Trinken in geselliger Runde, allein das ist bereits ein guter Grund zum Lesen.

Links-Lesen-Kollektiv im Oktober 2019



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