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Integrationsparadox

Das weitbeachtete Buch von Aladin El-Mafaalani: „Das Integrationsparadox“ wartet mit einer schönen und unerwarteten These auf: die zunehmenden gesellschaftlichen Debatten um Integration, Rassismus etc. seien ein positiver Ausdruck dessen, was bereits alles gelungen sei auf diesem Gebiet. Nur wer am Tisch solcher Debatten Platz genommen habe, sei überhaupt in der Lage, Forderungen zu stellen und Rechte einzufordern. Sein konkretes wiederholt angeführtes Beispiel ist, dass die Kopftuchfrage solange in diesem Land irrelevant war, als es lediglich von Putzfrauen getragen wurde und es erst zum Politikum wurde, seit es von Lehrerinnen und Juristinnen getragen wird.

Al-Mafaalani geht davon aus, dass die Chance auf gesellschaftliche Teilhabe sich in den letzten Jahren auch und gerade für Muslime in diesem Land stark verbessert hat. Daher sei auch jede Form von Alarmismus von links oder rechts verfehlt. Seine Argumente sind überzeugend und fundiert, auch wenn er auf jegliche Empirie verzichtet. Sein Buch ist allein deshalb bereits lesenswert, weil es einen dialektischen Blick auf die Verhältnisse wirft. Auch räumt er mit der verbreiteten Hoffnung auf, dass ein Mehr an gelungener Integration zu einem Weniger an gesellschaftlichen Konflikten führt. Partizipation bedeutet eben Streit und Auseinandersetzung.

Weitere Abschnitte in dem Buch sind leider nicht ganz so gut gelungen und dürften informierten und orientierten Linken nicht allzu viel an Neuem bieten. Dies soll den positiven Gesamteindruck aber nicht schmälern. Wer und welche auf der Suche nach neuen Aspekten in einem Teilbereich des sich verschärfenden Kampfes um kulturelle Hegemonie zwischen links und rechts ist, findet hier auch Material.

Ärgerlich ist allerdings die weitgehende Ausblendung von Klassenverhältnissen. Zwar ist El-Mafaalani recht zu geben, dass sich heute in vielen Ländern der Erde die Chancen „für … Menschen unabhängig von Hautfarbe, Religion, Geschlecht und Sexualität“ erhöht haben und dass „die offensten Gesellschaften … die mit der globalsten Bevölkerung“ sind. Er übersieht aber leider, dass die legale Migration für arme Nichtakademiker*innen ungleich schwerer bis unmöglich ist, als bspw. für Ingenieur*innen. Gleiches gilt für die

Partizipation in dem Land, wo mensch lebt. Hier fällt der Autor leider gegenüber anderen Werken wie bspw. von Oliver Nachtwey: „Die Abstiegsgesellschaft“, deutlich ab. Einkommensunterschiede bzw. Klassenzugehörigkeit entscheiden natürlich auch im Jahr 2018 nach wie vor vieles und sollten Bestandteil einer gesellschaftlichen Analyse sein, wie in dem erwähnten Buch von Nachtwey.

 

Eine gute Ergänzung zu El-Mafaalani besteht in der autobiographisch heruntergebrochenen Familiengeschichte des SZ-Journalisten Alexandros Stefanidis „Beim Griechen“. Was El-Mafaalani populärwissenschaftlich beschreibt, liest sich bei Stefanidis leichter und humorvoller aber auch oft bitter aufgrund der erlebten Rassismen – das Sujet ist gleich.

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