Digitale Solidarität
Bisher gibt es wenig Schnittmengen zwischen linken Techies und linker/linksradikaler Bewegung. Viele traditionelle Linke finden Technik „irgendwie“ blöd, obwohl auch diese Linken nicht mit ihrer Wäsche samt Waschbrett zur Spree gehen. Vielen Techies ist diese Linke „irgendwie“ zu komisch und so richtig antikapitalistisch ist mensch schließlich auch nicht. Dieses Buch versucht jetzt Gemeinsamkeiten zu finden, was schon mal für das Buch spricht.
Eine grundsätzliche Verweigerung von moderner Technologie scheint immer weniger praktizierbar und der Kapitalismus …..nun ja. Der Untertitel des im Dietz Verlag erschienenen Buchs heißt demzufolge zumindest schon „Zur Überwindung kapitalistischer Technologie“.
In zehn Kapiteln werden manch dicke Bretter versucht zu bohren. Es wird sich nicht auf ein oder zwei Fragen konzentriert, sondern es findet der Versuch statt, möglichst viele Themenfelder zu bespielen. Dies muss nicht grundsätzlich problematisch sein, aber die Tiefenanalyse bleibt folgerichtig eher oberflächlich, je mehr Themen behandelt werden. In Teilen wird auch offen beschrieben, dass linke Ansätze evtl. nicht zwangsläufig zum erwünschten Ziel führen. So wenn es bspw. um den Versuch der Vergesellschaftung von Immoscout24 geht (https://www.redscout24.de/) – einer berüchtigten Online-Plattform für Wohnungen und Häuser. Solange für Vermieter*innen und Eigentümer*innen die Möglichkeit besteht, auf andere Plattformen auszuweichen, werden sie vermutlich nicht bei einer vergesellschafteten solchen bleiben, die gewissen gesellschaftlichen und staatlichen Regulierungen unterliegt.
Was die Autor*innen leider nicht thematisieren, ist die Zentralität von digitalen Plattformen. Seit jeher versucht die Linke, dezentrale Lösungen zu präferieren, wo immer es geht. Denn Zentralität bedeutet Macht und dass jede Macht missbraucht werden kann bzw. wird, ist eine Binse.
Um eine weitere ewige Streitfrage der Linken – ist Technik eigentlich neutral und kommt es nur darauf an, wer sie wie anwendet – wird sich etwas herumgedrückt, was kein Vorwurf sein soll. Der mehr marxistisch orientierte Autor und die mehr undogmatisch orientierte Autorin werden bei der Buchproduktion sicherlich die eine oder andere hoffentlich produktive Diskussion darüber gehabt haben. Die KI wird allerdings grundsätzlich als nicht reformierbar angesehen und das ist ein klares Statement im teilweisen auch linken KI-Fanboy/Flinta Hype darum („hey Chatty, entwirf mal ein Flugblatt und noch ein passendes sharepic dazu“)
Es werden drei Kriterien einer emanzipatorischen Technologiekritik vorgeschlagen, nämlich 1.) Angleichen der Befähigung, 2.) wünschenswerte Zwecke und 3.) Angemessenheit. Die Autor*innen positionieren sich angenehm antikapitalistisch und kritisieren dabei auch argumentative Schnittmengen zwischen rechtslibertären und anarchistischen/linken Kreisen – bspw. wenn es um staatliche Regulierungen und Begriffe wie „Freiheit“ geht.
Schließlich geht es in der zweiten Hälfte des Buches um den guten und nötigen Widerstand gegen bestimmte technologische Projekte. Auch hier findet ein Parforceritt durch viele mögliche und praktizierte Widerstandsformen statt. Militante Formen werden zwar nicht gänzlich ignoriert, aber relativ marginalisiert. „Das Zusammenspiel von radikaler Flanke und gemäßigten Forderungen“ findet Erwähnung und die Anti-AKW-Bewegung wird als positives Beispiel hierfür herangezogen. Ärgerlich an diesem Beispiel ist allerdings, dass lediglich „Besetzungen und Blockaden“ für die radikale Flanke an Aktionsformen beschrieben werden und das hierfür auch noch ein gutes Buch zitiert wird, welches allerdings auch immer und immer wieder von Massenmilitanz und Sabotage zu berichten weiß. Diese radikalen Aktionsformen werden an diesem Punkt von den Autor*innen leider völlig ignoriert.
Das Buch ist auch ohne große Vorkenntnis über KI/Techzeug etc. gut lesbar und verständlich geschrieben. Die vielen schlauen Leute, die zitiert werden, kann mensch kennen oder auch nicht, dies mindert nicht das Verständnis.
So sympathisch es ist, dass wenig bis keine Redundanzen vorkommen und die Autor*innen uns nicht ständig ihre überfliegende Intellektualität mit großen Bündeln von theoretischem Wissen gepaart mit überschwänglichem Gebrauch von Fremdworten glauben präsentieren zu müssen, bleibt hie und da doch der Eindruck, dass angesichts der vielen angerissenen Themen einiges doch etwas knapp dargeboten wird.
Egal – ein lesenswertes Buch für alle, die immer schon mal wissen wollten, warum open source nicht der letzte Schrei, die DGSVO nicht nur emanzipatorisch und Privatheit nicht nur geil ist.
Blankertz, Aline / Engeler, Malte: „Digitale Solidarität. Zur Überwindung kapitalistischer Technologie“ Dietz Berlin, 2026, kartoniert, 190 S., 16,- €
Links-Lesen.de-Kollektiv im Oktober 2026











