Carolin Amlinger/Oliver Nachtwey: Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus
Nach „Gekränkte Freiheit“ aus dem Jahr 2022 haben die beiden linken Wissenschaftler*innen Amlinger und Nachtwey von der Uni Basel ihr neues Werk vorgelegt, welches inhaltlich dem Vorgänger folgt. Während „Gekränkte Freiheit“ sich in erster Linie mit den subjektiven Verirrungen nicht weniger Menschen im Laufe der Corona-Pandemie beschäftigte, stehen nunmehr AfD Wähler*innen im Mittelpunkt der Analyse. Auch in „Zerstörungslust“ geht es zentral um den autoritären Charakter und die (nicht gerade neuen, aber immer noch aktuellen) Erkenntnisse von Fromm, Horkheimer, Adorno und anderen. Nach allem kann durchaus vermutet werden, dass zwischen Corona-Verwirrten und heutigen AfD-Wähler*innen eine gewisse Schnittmenge empirisch vorhanden ist.
Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben einige Tiefeninterviews geführt, v.a. mit Afd-AnhängerInnen: eine Reihe von Mustern wiederholen sich hierbei schon fast mantramäßig: Kränkungen mannigfaltiger Art, Angst vor sozialem Abstieg gepaart mit blockierten Aufstiegsmöglichkeiten, was in zunehmender Destruktvivität und auch durchaus Gewaltpotential mündet. Wobei letzteres sich z.Zt. oft noch in Fantasien erschöpft, aber zunehmend direkter und dadurch natürlich erheblich gefährlicher wird.
Die zornigen Protagonist*innen – nicht zufällig in ihrer übergroßen Mehrheit Männer – werden nicht vorgeführt, sondern dargestellt. Auch spiegelbildlich findet weder eine Entschuldung ihrer menschenfeindlichen Erzählungen und Entscheidungen statt, noch eine Relativierung und es wird auch nicht lediglich „das System“ für Irrungen und Wirrungen verantwortlich gemacht. Denn es handelt sich bei diesem Buch immer noch um wissenschaftliche Ergebnisse und ihre Interpretationen. Den Autor*innen gelingt es stets, ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit zu wahren, auch wenn sie ihre politische Verortung in der Linken keinesfalls versuchen zu kaschieren.
Im Endeffekt wird der Neoliberalismus der letzten 50 Jahre als zentral Verantwortlicher für den autoritären Aufstieg der Trumps, Weidels, Mileis, Le Pens etc. benannt. Aber eben für den Aufstieg, denn Rassist*innen, Faschist*innen etc. haben natürlich zu allen Zeiten leider und das in viel zu großer Anzahl bereits existiert.
Wenn selbst ursozialdemokratische Politik – wie sie in der BRD am ehesten von der Linkspartei zumindest propagiert wird (also sowas wie z.B. „Mietendeckel“) – im neoliberalen Regime unter latentem Kommunismusverdacht steht und je nach Gusto verächtlich gemacht oder erbarmungslos bekämpft wird, ist etwas ins Rutschen gekommen. Selbst relativ harmlosen Klimaaktivist*innen ergeht es mittlerweile nicht anders. Das Wohlwollen liberaler Medien und Politiker*innen bis Ende 2019 ist im besten Falle einer gnadenlosen Ignoranz gewichen. Ansonsten hagelt es Diffamierungen wie „Klimaterroristen“ und auch Anklagen durch einige Staatsanwaltschaften wegen § 129, Bildung einer kriminellen Vereinigung. Selbst die in guten Teilen neoliberale grüne Partei musste für ihre Absicht, Wärmepumpen über fossile Heizsysteme zu stellen, heftige Prügel in einer von rechts orchestrierten Pressekampagne beziehen.
Während Sozialprogramme immer mehr von so gut wie allen Regierungsparteien zusammengespart oder gleich ganz eingestellt werden, ist im Falle eines Falles unendlich viel Geld für Banken (Finanzkrise 2008) oder Rüstung (russischer Überfall auf die Ukraine 2022ff.) vorhanden.
Und da die meisten Menschen nicht blöd sind, registrieren sie diese Zusammenhänge natürlich und ihre Zukunftsangst steigt. Wenn an den Wahlurnen lediglich noch die Wahl zwischen Neoliberalismus und Rechtspopulismus/Faschismus möglich zu sein scheint, werden leider mehr und mehr Parteien gewählt, die die zweite Variante verkörpern.
Die Zerstörungswut vieler Menschen geht leider so weit, dass sie sogar gewillt scheinen, ihre eigene ökonomische Grundlage zu riskieren. Denn dass es der prekären Klasse mit Trump oder der AfD wirtschaftlich besser gehen wird, dürften wohl nur die wenigsten dieser Wähler*innen ernsthaft annehmen. Aber immerhin wieder etwas mehr Herrenmensch sein zu können, scheint für nicht wenige an Attraktivität in den letzten Jahren gewonnen zu haben. Leider auch und gerade für Personen aus der Arbeiter*innenklasse, wie alle empirischen Untersuchungen zeigen – auch wenn viele traditionell leninistisch denkende Gruppen und Parteien dies einmal mehr nicht wahr haben wollen und lieber weiter ihren tradierten und in Stein(zeit) gemeißelten Grundsätzen folgen.
Amlinger/Nachtwey untersuchen natürlich auch die gängigen Geschlechterbilder. Die Erosion des männlichen Familienernährers führt bei nicht wenigen Männern zu weiteren Kränkungen, Ängsten und Zweifeln. Weibliche Emanzipationsbestrebungen greifen mit vollem Recht männliche Privilegien an und in Ermangelung neuer Rollenvorbilder werden gerade jüngere Männer konservativer. Einige fühlen sich als Verlierer und werden zunehmend hasserfüllt gegen Frauen, Schwule, LGBTIQ+ Personen und nicht wenige leben ihre destruktiven Gefühle gewalttätig aus. Ob das schon faschistisch ist oder noch nicht, ist möglicherweise eine müßige Debatte – für die Opfer jedenfalls.
Wer fundierte Antworten auf die autoritäre Wende und vor allem auf die Verfasstheit ihrer Wählerbasis sucht, der/die ist mit diesem Buch sehr gut bedient. Wer und welche den Faschismus bekämpfen wollen, müssen ihn vorher verstehen und begreifen. Alerta, alerta!
„Zerstörungslust„, Suhrkamp, Oktober 2025, Fester Einband mit Schutzumschlag, 453 Seiten, , 30,-€
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