Marie Langer: »Während die Welt brennt, kann man nicht dasitzen und seinen Nabel betrachten«
Durch die Erinnerungen der 1910 in Wien geborenen Marie Langer »Während die Welt brennt, kann man nicht dasitzen und seinen Nabel betrachten« können die Leser*innen viel linke Geschichte miterleben: von der KPÖ über die Psychoanalyse, vom Spanischen Bürgerkrieg bis zu ihrem sozialpolitischen Engagement in Lateinamerika in den 70er Jahren. Auch Verfolgung, Antisemitismus, die Bedrohung durch den Faschismus und mehrfaches Exil prägten ihr Leben – noch als 64-Jährige musste sie aus Argentinien vor der argentinischen Militärdiktatur fliehen, weil ihr Name auf den Todeslisten der Alianza Anticomunista Argentina (AAA) stand.
Das Büchlein ist recht flott geschrieben, mit Humor, recht großem Selbstbewusstsein, kommunistischer Weltsicht, angereichert durch psychoanalytische Perspektive und voll kleiner Geschichtchen und großer Geschichte. Im ersten Teil über ihre Kindheit erinnert Marie Langer sich viel an ihre Mutter und reflektiert auf interessante Art die Rolle von v.a. gebildeten, bürgerlichen Frauen in dieser Zeit, ihr oft widersprüchliches Verhältnis zu Liebe, Ehe, Affären, Moral, Körper etc.. Der Name von Alexandra Kollontai, die sie offensichtlich beeindruckt haben muss, fällt hier häufig. Langers Blick auf diese Frauenrolle(n) ist eindeutig geprägt durch ihre eigene psychoanalytische Ausbildung und Perspektive und liest sich auch aus heutiger feministischer Sicht durchaus spannend. Auch das Jüdisch-Sein beschäftigt sie gewollt und ungewollt immer wieder, obwohl ihre bürgerliche Familie eher atheistisch geprägt war – aus späterer Sicht erinnert sie:
„Als Jüdin geboren zu sein… Ich kann nicht leugnen, dass ich dadurch geprägt wurde. Erst kürzlich, als ich einige Interviews mit deutschen Exiljuden, bekannten Psychologen der „Frankfurter Schule“ gelesen habe, wurde mir wieder klar, wie der deutsche und österreichische Antisemitismus unser Leben schon vor dem Nationalsozialismus beeinflusst hat.“
Gesellschaftspolitisch interessant sind die Berichte über die von ihr besuchte Wiener Reformschule „Schwarzwaldschule“ – eine für Marie Langer prägende Zeit, die sie selbst „eine der wichtigsten Episoden meines Lebens“ nennt. Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit Klassenunterschieden und die fortschrittliche Pädagogik legten einen Grundstein für ihr beginnendes politisches Denken und Engagement. Im Buch wird diese Entwicklung, aber auch die damalige hochpolitische Zeit durch viele kleine, zum Teil witzige Anekdoten lebendig – beispielsweise heiratet Marie sehr früh und ist dann die einzige verheiratete Frau, die gleichzeitig noch zur Schule geht, was zu allerlei bürokratischen Komplikationen führt.
Anschließend beginnt sie ein Medizinstudium, absolvierte und lernte selber Psychoanalyse – und tritt 1933 in die Kommunistische Partei Österreichs ein. In dieser Zeit, in der der Faschismus in Österreich massiv erstarkt, ist sie zum Leben im doppelten Untergrund gezwungen: Als Mitglied der verbotenen KPÖ als auch der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung WPV musste sie ihre Mitgliedschaft in der jeweils anderen Vereinigung geheim halten.
Marie Langers Engagement im Spanischen Bürgerkrieg nimmt leider nur einen recht kleinen Teil ihrer Lebenserinnerungen ein. Sie ist dort als Anästhesistin mit ihrem späteren Ehemann Max Langer im Sanitätsdienst der Internationalen Brigaden aktiv. Bemerkenswert sind auch hier einige kleine Begebenheiten, die den anfänglichen Überschwang und die Aufbruchstimmung dieser Solidaritätsbewegung recht prägnant schildern:
„Sehr bald war klar, dass es in dem kleinen Feldspital keine Arbeit für uns gab; die paar Chirurgen stritten sich um jeden entzündeten Blinddarm und jeden Verletzten, der da kommen könnte“
– im Verlaufe des Krieges dann können die anwesenden MedizinerInnen die vielen schwer Verletzten überhaupt nicht mehr angemessen behandeln. Mehr und mehr bestimmen Brutalität und die vielen Toten den Alltag und sind Ausdruck des Kriegsverlaufs.
Die von Marie Langer selbst aufgeschriebenen Lebenserinnerungen enden mit der Flucht aus Europa, mit der Emigration 1939 nach Uruguay. 1942 siedelt das Paar nach Argentinien über, von dort geht sie 1974 wegen der Bedrohung durch Todesschwadrone ins Exil nach Mexiko. Marie Langer stellt ihre psychoanalytische Erfahrung in den Dienst der sandinistischen Befreiungsbewegung für Nicaragua, indem sie gemeinsam mit anderen exilierten argentinischen PsychoanalytikerInnen von der Somoza-Diktatur gefolterte Sandinisten behandelt. Gesundheitsarbeit war für sie immer auch politische Arbeit.
Marie Langers Leben und Arbeit in Lateinamerika als Analytikerin und ihre bedeutenden auch feministischen Schriften und Studien sowie ihr politisches Engagement werden im Büchlein in einem Anhang dokumentiert. Die Herausgeberin Ulrike Schmitzer hat hier noch einiges an vorhandenem Material, v.a. Briefe und Interviews von Marie Langer zusammengetragen und ausgewertet, so dass sich am Ende ein Gesamtbild des äußerst bewegten Lebens dieser mutigen linken Frau abzeichnet.
Marie Langer: „»Während die Welt brennt, kann man nicht dasitzen und seinen Nabel betrachten« März 2026, Edition Atelier, 126 Seiten gebunden, 20 Euro
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