Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus

Netterweise weist der Autor bereits zu Anfang seines kleinen Bändchens „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismusdarauf hin, dass es nicht sein Ziel sei, Faschismus (neu) zu definieren. Abstrakte Debatten jenseits aller Realität, ob KI/Trump/Peter Thiel etc. nun für Faschismus stehen oder noch nicht, sind nicht das Ding des Autors. Er möchte auf 160 Seiten ein Basiswissen über KI vermitteln, mit dem die Lesenden sich in der Lage fühlen, qualifiziert mitreden zu können, wenn das Thema KI mal wieder in Gespräche am WG-Tisch oder anderen geselligen Zusammenkünften sein Haupt erhebt.

Der Autor ist Philosoph und Mathematiker hat an der Uni Osnabrück eine Professur mit dem etwas sperrigen Titel „für Ethik und kritische Theorien der KI“ – er ist also ziemlich profunde vom Fach und sehr gut unterwegs in dem Sujet, was er beschreibt.

Im Büchlein stellt Mühlhoff viele neurechte Akteure des Tech-Faschismus wie Peter Thiel, Elon Musk und Curtis Yarvin vor, samt ihrer immer weiter nach rechts gerückten ideologischen Allmachtsfantasien.

In kleinen historischen Abhandlungen wird die KI-Geschichte der letzten ca. 70 Jahre profunde politisch eingeordnet. So findet auch ein Ausflug in die äußerst fortschrittliche Tech-Affinität des NS-Regimes statt (und jetzt bitte nicht „Fortschritt“ mit „Emanzipation“ gleichsetzen). Denn entgegen der ML-Doktrin von den ‚rein reaktionären Nazis‘ waren diese real in vielen Dingen technologisch sehr weit vorne. So war der totalitäre deutsche Staat Großkunde bei IBM hinsichtlich Computeranwendungen per Lochkartentechnologie („Hollerith“): Diese wurde nicht nur zur Totalerfassung aller im Deutschen Reich lebender Menschen benutzt, sondern war später auch unverzichtbares Instrument in den besetzten Gebieten zur Organisation von Verfolgung, Zwangsarbeit und Massenmord. IBM-Lochkartenmaschinen- und Systeme kamen vor allem in der Volkszählung, der Transportlogistik, aber anschließend auch in einigen KZs zum Einsatz, um Menschen automatisiert zu kategorisieren und in der Folge über ihr weiteres Schicksal zu entscheiden.

Heutige KI-Fans freuen sich über ihre Anfragen an diverse Chatbots verschiedener mulitinationaler Konzerne und viele halten die Technik evtl. für neutral. Die Anwendung ist es definitiv nicht. Mühlhoff zeigt, dass das Training dieser Maschinen mit dem vorhandenen Bestand an Schriftmaterial auskommen muss. Dieser ist natürlich entsprechend geprägt: männlich, eurozentristisch, herrschend, kapitalistisch, rassistisch, etc. Die darin enthaltenen emanzipatorischen Brosamen dürften leider im Promillebereich liegen.

Der Autor erklärt sehr präzise, wo die Gefahren lauern, wenn in staatlichen oder auch kommerziellen Auswahlprozessen mehr und mehr KI eingesetzt werden sollte: durch KI-Einsatz werden Entscheidungen dann nicht mehr nach dem Einzellfall getroffen, sondern dann hängen von angeblichen empirischen Erfahrungen ab. So wird das gepflegte individuelle Vorurteil zur angeblich neutralen, unbestechlichen KI-Entscheidung. Wenn Verwaltungen nicht mehr aufgrund von persönlichen Erfahrungen (Dieser Bewerber passt aufgrund seines Verhaltens nicht in unser Arbeitsteam/Mieterportfolio/etc.) entscheiden, fällt die KI stattdessen eine Entscheidung aufgrund von antrainierten Stereotypen (dieser Antragsteller kommt aus einer „Risikogruppe“ und daher wird sein Antrag abgelehnt). Aber Hauptsache, Bürokratieabbau findet statt… Bei dieser sogenannten Präemption (Vorwegnahme) wird bewusst akzeptiert, dass die Entscheidung falsch sein kann und tief in individuelle Lebensverhältnisse eingreift – ein Problem, das Mühlhoff facetten- und kenntnisreich erläutert.

Das kleine Reclam-Büchlein liest sich gut, ist verständlich geschrieben und bietet einen gut gegliederten Einstiegsüberblick hinsichtlich KI. Auch bei wenig Vorwissen kann dieser Band bedenkenlos gelesen oder verschenkt werden – aber bitte nicht bei Amazon bestellen 😉


Rainer Mühlhoff: „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Wie KI und Tech-Milliardäre unsere Zukunft formen“, Reclam, Juni 2026, Taschenbuch, 211 Seiten, 8,- €