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Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Bereits nach wenigen Seiten des Buches von Manja Präkels stellt sich der Drang ein, mitzuzählen, ob wirklich auf jeder Seite Alkohol vorkommt.

Die Schilderung des Dorflebens im brandenburgischen Zehdenick erscheint als ungeheure Alkoholansammlung. Schnaps, Bier, Likörchen und „Scheidebecher“, die die ProtagonistInnen, u.a. der Vater der Ich-Erzählerin Mimi in sich hineinkippen – eine feuchte Untermalung der Trostlosigkeit, des Stillstands und Perspektivlosigkeit einer untergehenden DDR.

Leseprobe beim Verbrecher-Verlag: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Wir meinen:

Jegliches Gefühl von Aufbruch oder Bewegung scheint verlorengegangen, und nur ein paar farbige Pionierhalstücher und FDJ-Hemden leuchten vielversprechend durch das trübe Grau und motivieren Mimi, Tochter der DDR-treuen Lehrerin, an sozialistischen Wettbewerben teilzunehmen – vielleicht auch aus Einsamkeit heraus, während die meisten anderen schon kaum noch Engagement für irgendetwas erkennen lassen.

Aber auch Mimis Eifer entzaubert sich in einer wunderbar beschriebenen Szene: Als gute, angepasste Schülerin ist sie ausgewählt worden, einen Zeitunsartikel über den Fackelmarsch zum DDR-Geburtstag in Berlin zu schreiben – in der anschließenden Veröffentlichung bleibt außer einem Satz und ihrem Namen nichts vom ursprünglichen eigenen Text übrig, der Stolz fällt in sich zusammen und Mimi erkennt lapidar:

Zum Glück würde das niemand lesen. Die Zeitung war Brennmaterial. Omi wickelte manchmal einen Fisch darin ein.

Herausgeber der Zeitung wird nach ´89 ein „Herr von Gaul“ – Manja Präkels gelingt hier eine böse Parodie auf den späteren AfDler Gauland und auf die vielen ‚Übernahmen‘ des Ostens durch Wessis.

Alle spürten, dass sie hier nicht mehr hineinpassen würden.

Es ist aber nicht der ‚Untergang der DDR‘, mit dem Präkels die rechte Gewalt, den Rassismus und den Hass erklärt, also die explosive und brutale Gemengelage, aus der heraus der Ort an die Rechten fällt. Noch aus der Perspektive des Kindes nimmt Mimi die alten Dorfgeschichten darüber wahr, wie die Todesmärsche durch Zehdenick gingen, wer NSDAP-Kader war und welche Verachtung angolanischen VertragsarbeiterInnen entgegenschlug. Vor diesen Hintergründen erobern einige rechte Jugendliche die Herrschaft über den öffentlichen Raum, darunter Mimis früherer Angel-Freund. Durchgesetzt und aufrecht erhaten wird sie mit körperlicher Gewalt, mit massiver und bedrohlicher Präsenz, später auch mit umhercruisenden Autos mit abgedunkelten Scheiben. Die Nazis nennt Mimi nur „die Gorillas“, eine Verniedlichung findet jedoch ganz und gar nicht statt – die Brutalität steckt vielmehr hinter jeder Straßenecke, hinter jedem Zaun und reicht bis an die Wohnungstüren.

Wer auf dem Land aufgewachsen ist, kennt die Bedeutung der Bushaltestellen, Supermarktparkplätze und Bahnhofsgleise für Jugendliche – die Angst, sich dort nicht frei bewegen zu können beschreibt das Buch mit aller Härte – und es rückt damit all diejenigen in den Vordergrund, die verfolgt worden sind, die zusammengeschlagen worden sind, die ins Krankenhaus mussten, damit sie nicht verbluteten, kollabierten, erstickten… Und nicht alle haben überlebt: Manja Präkels beschreibt einen Mord in einer Diskothek – das Buch ist Ingo Ludwig gewidmet, der 1992 in Zehdenick von Nazis umgebracht worden ist.

Links-Lesen-Kollektiv

Präkels, Manja: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

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