Antifeminismus und Provinzialität
Der Band „Antifeminismus und Provinzialität. Zur autoritären Abwehr von Emanzipation“ aus der transcript Reihe mit dem schönen Namen „Kritische Landforschung“ versucht ein aktuelles soziologisches Phänomen zu erfassen, nämlich warum und wieso in diesem Land so viel antiemanzipatorische Reflexe artikuliert werden und nicht gerade selten auch in puren Hass umschlagen.
Antifeminismus und Provinzialität –
ein spannendes Thema, was natürlich auch zur aktuellen politischen Lage passend erscheint. Die Herausgeberinnen haben 12 Aufsätze zum Thema „Zur autoritären Abwehr von Emanzipation“ – so der Untertitel – gesammelt, von Antisemitismus über ‚TradWives’ bis hin zu religiösem Fundamentalismus und Romantisierung des Landlebens.
Provinzielles Denken kommt natürlich nicht nur auf dem Land vor, sondern überall. Es kann in Großstädten genau so auftreten wie im kleinsten Dorf. Und doch drängen sich qualitative Unterschiede geradezu auf. Die binäre Ordnung, die Sehnsucht nach vermeintlicher Eindeutigkeit und das Bedürfnis nach möglichst einfachen Antworten auch auf komplexeste Fragen wird eben doch eher in kleineren, piefigeren Gemeinschaften gepflegt, als in quirligen, tendenziell unübersichtlichen großstädtischen Innenquartieren. Nicht umsonst hasst der Faschismus die Städte – das tendenziell unkontrollierbarere, unüberschaubarere, unordentlichere, anonymere, diversere, unterschiedlichere und widersprüchlichere Leben ist für den binär denkenden Typus eher anstrengend. Denn das würde heißen, sich Gedanken zu machen und sich damit auseinanderzusetzen, dass es z.B. andere Lebensentwürfe und -realitäten gibt, als die Kleinfamilie mit dem möglichst männlichen Patriarchen an der Spitze derselben. Von da aus geht es top-down ohne Widerworte – vielleicht auch ein Grund, warum z.B. die letzte Bundesregierung („Ampelkoalition“) ein so schlechtes Ansehen hatte. Hauptvorwurf: da wurde so viel gestritten. Streit ist im binären Denken nämlich ebenfalls nicht vorgesehen, denn es gibt klare Vorgaben von oben.
Im Buch gibt es einige gute Stellen, so wird u.a. das auch in einigen linken Kreisen romantisierte Landleben erfolgreich dekonstruiert. Denn eine solche Romantisierung kann nur funktionieren, wenn die gewaltförmige patriarchale Brutalität des ach so natürlich-idyllischen Landlebens ausgeblendet und die ebensolche Vergangenheit negiert wird. Auch die notwendige Ergänzung des berühmt gewordenen documenta 15 Wimmelbildes als nicht nur antisemitisch, sondern eben auch sexistisch und antifeministisch konnotiert, gehört dazu.
Ansonsten ist das Buch ein ganz guter Einstieg in die Materie, wer/welche die Diskussionen zum Thema halbwegs verfolgt, findet möglicherweise zu wenig Neues. Etwas ärgerlich ist das ständige Zitieren von Adorno, auch wenn dieser sich viele Gedanken zum Thema Provinzialität gemacht haben wird. Teilweise scheint unter den Autor*innen ein interner Wettbewerb ausgebrochen zu sein, wann er zum ersten Mal zitiert wird. So gibt es auch nur ein einziges Kapitel, wo im Literaturverzeichnis kein Werk des großen Meisters verzeichnet ist. Da alle Autor*innen mutmaßlich aus der gleichen wissenschaftlichen Schule kommen, sind die jeweiligen Beiträge leider von gewissen Redundanzen durchzogen. Hier wäre ein aktiveres Lektorat wünschenswert gewesen. Die allermeisten Leser*innen werden kognitiv so auf der Höhe sein, dass weder bestimmte Definitionen noch Erkenntnisse mantramäßig wiederholt werden müssen.
Ärgerlich wird es, wenn Theodor W. Adorno et al. die Entdeckung der autoritären Persönlichkeit quasi im Alleingang zugerechnet wird und dabei die deutlich älteren Werke und Erkenntnisse bspw. von Erich Fromm und Wilhelm Reich negiert werden.
Das Buch eignet sich für alle, die besser argumentieren wollen, wie autoritäre Strukturen funktionieren – und für Diskussionen über das romatische Landleben…
Johanna Niendorf / Fiona Kalkstein / Henriette Rodemerk / Charlotte Höcker (HG.) : „Antifeminismus und Provinzialität. Zur autoritären Abwehr von Emanzipation“ // April 2025 // 276 Seiten, kartoniert // Transcript Verlag // 35,- €
Links-Lesen.de-Kollektiv im November 2025











